Eleonore Magdalena: Die Kaiserin aus Düsseldorf – Teil 2
Eleonore Magdalena Theresia von Pfalz-Neuburg (1655 – 1720): Braut, Kaiserin, Sprachtalent
VON PETER HACHENBERG
Dies ist der zweite Teil der Geschichte von Eleonore Magdalena Theresia von Pfalz-Neuburg, der großen Schwester des in Düsseldorf so verehrten Kurfürsten Johann Wilhelm, genannt Jan Wellem. Eleonore ist hingegen völlig in Vergessenheit geraten, obwohl sie unter den zahlreichen Schwestern des Fürsten den absolut höchsten Rang erreichte, der für eine Frau in dieser Zeit überhaupt zu erreichen war: Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In diesem zweiten Teil berichte ich von der Wahl zur Braut, den Hochzeitsfeierlichkeiten in Passau, bei denen auch Bruder Johann Wilhelm stets zugegen war, und ihren hervorragenden Französischkenntnissen, die sie auch zur Beraterin des Kaisers machten.
Übrigens: Am Ende des Beitrags befindet sich eine Kommentarfunktion. Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere davon Gebrauch machen würde.
Die Brautwahl
Wir befinden uns im Monat März des Jahres 1676. Die junge schöne Tirolerin liegt, ausgezehrt von der Schwindsucht, auf dem Sterbebett. Ende des Monats spuckt sie zum ersten Mal Blut in größeren Mengen.(1) Es ist die gerade 22jährige Claudia Felicitas aus Innsbruck (1653 – 1676), die zweite Frau Leopolds I., des habsburgischen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1640 – 1705). Sie konnte ihrem Gatten keinen Erben gebären, was im Sinne des Machterhalts der Dynastie einer Katastrophe gleichkommt, da es mit einiger Sicherheit den Zerfall der habsburgischen Lande und wohl auch den Verlust der Kaiserherrschaft bedeuten würde.
In den Kreisen des europäischen Hochadels spricht sich die dramatische Situation am Hof in Wien herum wie ein Lauffeuer, und die Väter bringen ihre edlen Töchter schon jetzt in Stellung als mögliche Nachfolgerin der dahinsiechenden Kaiserin. Hervor tut sich besonders Philipp Wilhelm, der in Düsseldorf residierende Herzog von Jülich und Berg sowie Herzog und Pfalzgraf von Neuburg an der Donau. Er sieht gute Chancen für seine am 6. Januar 1655 in Düsseldorf zur Welt gekommene Erstgeborene, Eleonore Magdalena, die älteste Schwester des drei Jahre später geborenen Johann Wilhelm, der Karriere als Herzog und Kurfürst machen wird. Die Düsseldorfer taufen ihn im rheinischen Dialekt auf den Namen „Jan Wellem“.
Am 22. März berichtet der Agent Philipp Wilhelms am Wiener Hofe, Andreas Schellerer, der „Beichtvater der Kaiserin, Pater Reding S.J., habe ihm als höchstes Geheimnis anvertraut, Claudia Felicitas sei am Josephstag (am 19. März) so schwach gewesen, daß sie sich kaum habe im Bett aufrichten können, um zu kommunizieren „vndt am Leib seie nichts als haut und Bein (Knochen)…“ Das Gesicht der Kaiserin, besonders um die Augen, sei stark eingefallen. Der Pater gebe ihr höchstens noch vierzehn Tage.“ (2) Am 08. April 1676 erliegt Claudia Felicitas schließlich ihren Leiden.
Spätestens jetzt nimmt das Rennen um des Kaisers Gunst so richtig Fahrt auf. Neben Eleonore Magdalena gehören die Tochter des bayrischen Kurfürsten, Maria Anna, die des Herzogs von York und des Markgrafen zu Baden sowie eine dänische Prinzessin zu den favorisierten Anwärterinnen. Das Spinnen von Intrigen und das Streuen übler Gerüchte gehören dabei zum Geschäft. Die Gegner Eleonores verbreiten z.B., sie habe ihre Gesundheit durch unordentlich frühes und spätes Essen und Trinken zerstört, habe ein durch die Blattern (Pocken) entstelltes Gesicht sowie rote Haare und verbreite einen unangenehmen Körpergeruch. Ja, aus ihrer Rothaarigkeit ergebe sich geradezu „per necessariam (Notwendigkeit) consequentiam (Folge) et experientiam (Erfahrung), das sie zwischen den Achslen schmeckhen tue (rieche)“. (3)

Der Vatikan stellt sich jedoch eindeutig hinter die Kandidatin. Der päpstliche Nuntius, also Botschafter, am Wiener Hof, Francesco Buonvisi, benennt Ende Mai 1676 knapp und trocken die drei Vorteile der Neuburger Bewerberin: 1. Die Bewahrung der katholischen Religion, 2. die wahrscheinliche Fruchtbarkeit und 3. die Interessen des Staates. (4)
Der Kaiser scheint die ganze Auswahlprozedur mehr oder weniger unschlüssig über sich ergehen zu lassen, sendet aber am 25. Juli 1676 (5) seinen Leibarzt Dr. Beckers an die verschiedenen europäischen Höfe mit Heiratskandidatinnen, um die jungen Damen in Augenschein nehmen. Der Jesuitenpater Franz Wagner, der schon im Todesjahr Eleonores 1720 eine lateinische Biographie verfasst, die er 1721 in Deutsche übersetzt, gibt den Bericht des Leibarztes über die künftige Kaiserin wie folgt wieder: Beckers „langte endlich nach vielen zu Wasser und Land überstandenen Gefahren zu Düsseldorff an: berichtet alsobald: Er hätte Fürstens Philippi Wilhelmi erstgebohrne Tochter Eleonora in das Aug gefasset, und so viel aus gewissen Zeichen sich mutmassen lasse, abnehmen (bemerken, wahrnehmen) können, daß solche vor allen, die er gesehen, gewisseste Anzeigen einer versicherten Fruchtbarkeit vorweise; (… Hervorh/PH)“. (6)
Um sicher zu gehen, will man eine Zweitmeinung und schickt am 13. August 1676 an den Leibarzt Philipp Wilhelms, Dr. Huber, einen Fragenkatalog zu Eleonore, der in aller Drastik verdeutlicht, worauf es letztlich ankommt: Da wird u.a. gefragt, ob sie „gesund oder kränklich“ sei, „ihre Fruchtbarkeit sicher gehalten werden könne“, „von waß für einen humeur (7) sie seye“, ob sie „schon seye zu der ader gelassen worden“, „offt medicin gebrauche“, sie „disponirt seye feist vundt dick zu werden“? (8)
Katholisch, gesund und gebärfähig – all das erfüllt Eleonore. Dass Ihre „Fruchtbarkeit für sicher gehalten werden“ kann, schließt man wohl besonders auch aus der Tatsache, dass ihre Mutter Elisabeth Amalie 17 Kinder gebar, darunter – wie schon erwähnt – eben Johann Wilhelm, den späteren Kurfürsten im Düsseldorfer Schloss. Jedenfalls wird Eleonore Ihren künftigen kaiserlichen Gatten, der sich im Oktober 1676 endgültig für sie entscheidet, um fast 15 Jahre überleben und ihm zehn Kinder schenken, darunter zwei spätere Kaiser: Joseph I. und Karl VI.
Hochzeit in Passau
Eleonore Magdalena war ohne Zweifel eine sehr fromme, streng katholisch erzogene junge Frau und fühlte sich schon früh vom klösterlichen Leben angezogen. In Düsseldorf hält sie sich häufiger bei den Schwestern des Ordens der Karmeliterinnen auf – siehe „Die Kaiserin aus Düsseldorf- Teil 1“ – , die ein besonders einfaches und hartes Leben führen. Dass sie nun die vom Kaiser erkorene künftige Gattin sei, scheint sie geradezu zu beängstigen.
„Eleonora allein zeigte kein eintziges Vergnügen (…) daß sie sich aus Anblick so hoher Würde (…) unmäßig erfreuete“, so berichtet wieder ihr Biograph Wagner. Es müsse doch „in Europa für den Römischen Kayser ein weit edlere Creatur anzutreffen“ sein. Sie habe hingegen „Ihro Gott selbsten zum Gesponß (Gatten) außerkohren“. Am Ende aber gibt sie „unter vieler Zäher (Tränen)-Vergießung“ nach: „Gott ruffet mich, sprach sie, zu einen andern Stand, den ich mir ausgesehen habe. Was will ich: man muss Gottes Willen folgen, der mich anderwo hin ruffet.“ Freilich darf man nicht vergessen, dass der Jesuit Wagner Eleonore in einem möglichst heiligmäßigen Licht erscheinen lassen möchte, einem jeglichen Gedanken an eine irdische eheliche Verbindung abhold. Überrascht wird sie aber sicherlich gewesen sein, war sie doch einige Jahre zuvor dem zum ersten Mal verwitweten Kaiser von ihrem Vater als Konkurrentin zu Claudia Felicitas präsentiert worden, aber 1673 endgültig unterlegen, als Leopold sich gegen sie entschied. Warum sollte es dieses Mal anders sein, mag sich Eleonore gedacht haben. (9 )
Wie dem auch sei, die Hochzeit von Eleonore und Leopold findet am 14. Dezember 1676 in Passau, der Hauptstadt des gleichnamigen fürstbischöflichen Hochstiftes, statt. Mitten in der Adventszeit also, ein eher ungewöhnlicher Termin. Warum zudem nicht in Wien, der Kaiserstadt? Darüber ist viel spekuliert worden: Passau liegt auf halbem Wege zwischen Neuburg an der Donau und Wien, das Trauerjahr für die verstorbene Claudia Felicitas war noch nicht vorüber, in der Passauer Wallfahrtskirche Mariahilf befand und befindet sich eine Kopie des 1537 entstandenen berühmten Marienbildes von Lukas Cranach dem Älteren. Für den glühenden Marienverehrer Leopold mag das Bild der Gottesmutter zumindest ein weiterer Grund gewesen sein, die Bischofsstadt Passau als Trauungsort zu wählen. (10) Das Original des Gemäldes, das sich ursprünglich tatsächlich in Passau befand, wurde übrigens schon früh nach Innsbruck verbracht und hat im dortigen Dom seinen Platz gefunden.


Die Hochzeitsfeierlichkeiten werden über drei Tage mit festlichen Einzügen in die Stadt, mit eigens aus Holz, Leinwand und Farbe errichteten, hochwertiges Material perfekt vortäuschenden Triumphbögen, prächtigen Feuerwerken usw., kurzum mit dem angemessenen barocken Aufwand betrieben (11), wenn vielleicht auch nicht in solchem Maße, wie es bei den beiden Vorgängerinnen der Fall war. (12)
Drei Ehren- oder Triumphbögen lässt auch der schlaue Pfarrer Seidenbusch des Dorfes Aufhausen errichten, der Eleonore mit Eltern und zwei Brüdern, die auf der Anreise nach Passau sind, für den 06. Dezember in ein „Marianisches Haus“, eine kleine Kirche mit einer Marienstatue, einlädt. Die hohen Gäste sind beeindruckt, was sich für Seidenbusch auszahlt. Er „wurde daraufhin durch den Obersthofmeister des Kaisers, Fürst von Dietrichstein, nach Wien eingeladen. Dort erhielt er vom Kaiser für das Marianische Haus zu Aufhausen eine silberne Ampel und von der Kaiserin 500 Gulden für ein ewiges Licht in der Klause.“ (13)

Der schlicht und persönlich gehaltene zweite Ehrenbogen birgt in dem gesprengten Giebel ein Tempelchen (Ädikulum) mit der Büste Leopolds I. Im Balken darunter die lateinische Inschrift „Veni electa mea et ponam in te tronum meum“, also etwa: „Komm meine Erwählte, und ich werde Dich auf meinen Thron setzen.“ Über allem wacht der kaiserliche Doppeladler. Im Vergleich dazu sind die in Passau aufgestellten Bögen wesentlich üppiger, hier die „Ara Amoris“ (Altar der Liebe) betitelte Ehrenpforte unweit der bischöflichen Residenz:

Die Abbildung der Triumphbögen und eine genaue Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten insgesamt verdanken wir dem Kupferstecher Johann Martin Lerch, der sie 1677 unter dem schönen Titel „Die Glückliche Vermählung der beyden Durchleüchtigsten Häusser Oesterreich und Newburg. Oder Gründliche und warhaffte Beschreibung der hochansehlichen Beylagers-Festivitäten deß … Herrn Leopoldi Röm. Käysers … Mit Eleonora Magdalena Theresia Hochgebohrnen Hertzoglichen Princessin zu Newburg“ veröffentlichen lässt. (14) Lerch hatte im Jahr 1675 von Kaiser Leopold das Privileg bekommen, von allen „denkwürdigen Aktionen und Novitäten“ am Kaiserhof Kupferstiche anfertigen zu dürfen. (15)
Zu Beginn seiner Beschreibung kommt Lerch erst einmal ohne Umschweife auf den Punkt: Ihre Kaiserliche Majestät habe sich entschieden „den Schaden deß betrübten und von Männlichen Erben gantz beraubten Hauses Oesterreich zu ergänzen (zu reparieren)“ durch die Vermählung mit Eleonore Magdalena, damit der „Kayserliche Thron ehistens (schnellstens) durch die Gnad des Höchsten mit lang erwünschten Printzen erfrewet (erfreuet)“ werde. (16)
Der Einzug der so Erwählten in die Stadt, wo sie am Eingang der kurfürstlichen Residenz, in deren Hofkapelle die Trauung stattfindet, von Leopold erwartet wird, umfasst einen Zug mit fast 40 prächtigen Karossen, von denen die Brautkutsche in der Grafik Lerchs mit der Nr. 20 gekennzeichnet ist – vorletzte Reihe in der Grafik.

Es ist der „Kayserl. kostbare Braut-Wagen, in welchem waren Ihre Mayest. die Kays. Gesponß (Gattin) in weissem Silberstuck (mit Silber duchwirktes Kleid) bekleydet mit unschätzbaren Kleinodien und Diamanten auffs zierlichst und köstliche allenthalben umbhänget.“ Auch in der Karosse war „Dero Frau Mutter in ebenfalls prächtigster Kleidung“, und „neben dem Wagen, so von 6. schönen und rahren Schimmeln gezogen, giengen die Kayserl. Herren Edel-Knaben mit Wind-Liechtern wie eine grosse Anzahl der Kayserlichen Leib-Trabanten Quardi (Leibwache) mit verguldeten Gewehr (…).“ (17)
An der Trauungsstätte angekommen überreicht der Fürstbischof Eleonore, die stets von ihrem ältesten Bruder Johann Wilhelm als Brautführer geleitet wird, ein silbernes Kreuz zum Kuss. Die Szene hat der Historienmaler Ferdinand Wagner 1892 für den Großen Rathaussaal der Stadt Passau in Öl gemalt und zwar offensichtlich mit viel Feingefühl: Umrahmt von den weltlichen und geistlichen Würdenträgern neigt sich die wunderschöne junge Braut knieend dem Kruzifix, das sie vorsichtig in beiden Händen hält, mit liebevoll andächtigem Lächeln zum Kusse zu.

Der offensichtlich viele Jahre ältere, schon etwas füllig gewordene Kaiser steht aufrecht links neben ihr, im Profil das „Habsburger“ Kinn noch etwas weiter vorgeschoben, aber mit leicht herunterhängenden Augenlidern und einem angedeuteten Lächeln eher sanftmütig wirkend. Links dahinter, gerade achtzehnjährig und nahezu etwas verloren dreinblickend, der Erbprinz Johann Wilhelm, der die linke Hand zum reichlich mit Federn geschmückten Hut führt. Ja gewiss, ein Historienbild des 19. Jahrhunderts, aber doch so einfühlsam und schön, dass man sich in die Szene versetzt fühlt, als sei es so geschehen oder doch wenigstens so hätte geschehen können. Also gut, ich gebe zu, ich habe eine gewisse Affinität zu fürstlichen Hochzeiten. Der Brautvater war jedenfalls überaus gerührt, geradezu überwältigt. Man sah, wie er „von zartester Ubermaß deren Freuden die Augen stets im Wasser hätte“, so Lerch. Kann man es schöner ausdrücken?

Seiner Bedeutung und Rolle gemäß sehen wir Bruder Johann Wilhelm auf zwei weiteren, etwas groben, aber eben authentischen Grafiken Lerchs. Während der Vermählung steht „Dero Erbprintz Jo. Wilhelm“ hinter seinem Vater (Buchstabe „D“). „Ihr Hochfürstl(lich) Durchl(aucht) von Pfaltz Neuburg“. (18)

Nach der Trauung begibt man sich zur Tafel, welche „auf dreyen Staffeln erhebt stunde (erhoben stand), und wurde die Abend Mahlzeit unter einer Kunst und liebreich-annehmlichsten Musik eingenommen.“ (19) Hier nimmt Johann Wilhelm (E) auf der linken Tafelseite seiner Mutter gegenüber Platz zwischen seinem Vater und dem Fürstbischof. Er schaut dem Betrachter geradewegs ins Gesicht.

Die Tafel ist gedeckt à la française mit verschiedenen Schüsseln und den darin mundgerecht zubereiteten Speisen. Vor den ehrenwerten Gästen sehen wir nur eine Silberschüssel und eine zweizinkige Gabel, die wahrscheinlich nur dazu dient, die Speisen aus den Tischschüsseln in die eigene zu legen: Man isst mit drei Fingern, weshalb dem Händewaschen mit Kannen und Becken besondere Bedeutung zukommt. Der Gebrauch des Messers ist völlig verpönt.
Das Sprachtalent an der Seite des Kaisers
Wie ergeht es nun der frisch Vermählten an der Seite des doch um 15 Jahre älteren Leopold? Hier kommt Eleonores ungewöhnliches Sprachtalent ins Spiel, das ihr erlaubt, dem Gatten in seinen Geschäften trefflich zur Seite zu stehen. „Sie ware über dises in unterschidlichen Sprachen auff das fürtrefflichist (vortrefflichste) erfahren“, schreibt z.B. 1720 in seiner Rede zum Tode Eleononores der Regensburger Domprediger. ( 20)
Schon als kleines Mädchen von etwa sechs Jahren hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass sie täglichen Unterricht im Französischen erhielt, was sich nun auszahlt, denn Leopold beherrscht – so wird zumindest immer wieder behauptet – nur schlecht Französisch oder will es einfach nicht verstehen (21), was in dieser Zeit im diplomatischen Verkehr ein erhebliches Manko ist.
So springt also die junge Kaiserin ein und wird „zur zentralen Anlaufstelle nahezu der gesamten Korrespondenz in dieser Sprache: Quasi zur Poststelle, Sekretärin und Dolmetscherin in einer Person“, wie der Historiker J. J. Schmid in einem Aufsatz von 2003 schreibt. (22) Aus diesen Hilfsdiensten, so Schmid weiter, entwickelte sich „eine regelrechte Position: Eleonore Magdalena sortierte die kaiserliche Korrespondenz, las dem Kaiser vor und besprach mit ihm die Antworten.“ (23)
Soviel dieses irdische Geschäft sie auch beschäftigt haben mag, so muss man eben auch im Auge behalten, dass Eleonore eine tieffromme Katholikin war, die ihr spezielles Talent insbesondere auch in den Dienst ihres Glaubens stellte. Ihr Biograph Wagner schreibt: „Damit auch ihr erworbene grosse Erfahrnus in Frantzösischer Sprach am besten angeleget wär, übersetzte sie allerhand Geistliche Büchlein aus diser in die hoch-teutsche Sprach, nicht ohne Zierlichkeit und sonderbahren Nutzen.“ (24)
Tatsächlich lässt die Kaiserin 1685 ihre Übersetzung des zuerst 1669 erschienenen Erbauungsbüchleins „Pensées Chretiennes Pour Tous Les Jours Du Mois“ des französischen Jesuiten Dominique Bouhours drucken, das seinerzeit wohl schon eine Art Bestseller war und bis heute im Nachdruck erhältlich ist. (25) Die Schrift gibt dem frommen Laien vom Handwerker bis zum Adeligen für jeden Tag des Monats einen zentralen christlichen Grundsatz mit auf den Weg. So heißt das Brevier in Eleonores Übersetzung also „Christliche Gedancken Auff Alle Tag deß Monats“. (26) Sie widmet es als „Gehorsambste unterthänigste Tochter“ Ihrer Mutter, „Der Duchleuchtigsten Fürstin und Frawen, Frawen Elisabeth Ameliae Magdalenae, Pfaltzgräfin bei Rhein; in Bayrn, zu Gülich, Cleve und Berg Hertzogin usw.“

Das Büchlein ist in der Tat genial konstruiert. Auf die knappe Darstellung eines Leitgedankens folgt für die praktische Umsetzung eine Art Übungsweisung, der als letzter Teil zwei prägnante Merksätze angehängt sind. Schauen wir uns das einmal in einigen kurzen Ausschnitten aus den Gedanken für 4. Tag des Monats an:
4. Tag Von dem letzten Gericht
Eines Tages müssen wir alle vor dem „strengen Richterstuel“ Gottes erscheinen, und so heißt es im zweiten Teil des Leitgedankens:
„2. Was wird ich alsdann sagen, wann so vil böse Gedancken, so vil sündige Werck, so vil Gnaden, die ich verworffen hab, mir werden für das Angesicht gestellet werden? O wol ein erschröcklicher Tag ist der Tag deß Zorns Gottes! an welchem alles, sogar biß auff die mindeste Bewegungen unseres Hertzens wird an den Tag kommen: wo alles biß auff den kleinisten Augenblick, bis auff den mindesten Seufftzer oder Begürde wird außgerechnet werden: wo nichts vertuscht oder verringeret kan werden. Wann nun die Gerechten kaum bestehn werden können, wie wird es dann denen Sünderen ergehen?“
Hier eine von mir erstellte „modernisierte“ Fassung. Wie man sieht, ist der Unterschied zum Original nicht besonders groß. Was bei deutschen Texten aus dieser Zeit meistens irritiert, ist die abweichende Rechtschreibung. Liest man die Texte laut, werden sie plötzlich ganz verständlich.
„Was werde ich alsdann sagen, wenn so viel böse Gedanken, so viel sündige Werke, so viel Gnaden, die ich verworfen habe, mir vor das Angesicht gestellt werden? Oh, wohl ein schrecklicher Tag ist der Tag des Zorns Gottes! An welchem alles, sogar bis auf die mindesten Bewegungen unseres Herzens wird an den Tag kommen: wo alles bis auf den kleinsten Augenblick, bis auf den mindesten Seufzer oder Begehr (Verlangen) wird ausgerechnet werden: wo nichts vertuscht oder verringert kann werden. Wenn nun die Gerechten kaum bestehen werden können, wie wird es dann denen Sündern ergehen?“
Es folgt eine Übungsanweisung zur Selbsterforschung:
„Bildet euch nun ein (Stellt Euch nun vor), als ob ihr würcklich vor den Richterstuel Gottes geführet wurdet. Wessen wurdet ihr euch am meisten schämen? Bedenckt auch wol darüber: und erinneret euch, daß die allerheimblichste Sünden an dem Tag des Gerichtes werden offenbar werden, wann sie nit allhie abgebüßt seynd worden (wenn sie nicht hier gebüßt worden sind).“
Abschließend zwei eher düstere Merksätze:
„Wer wird vor dem Angesicht seines Zorns stehn können? (Nahum I)
Ach wehe dem Menschen, der auch löblich gelebt hat, wann du, o mein Gott ohne Barmhertzigkeit wirst richten! (S. Augustin)“ (27)
Freunde der französischen Sprache und ehrgeizige Studentinnen und Studenten der Romanistik sowie deren akademische Lehrer finden in Anm. 28 den kompletten „4. Tag“ als PDF in der Fassung von Bouhours und der Übersetzung Eleonores.
Aber Eleonore Magdalena war mehr als nur eine sprachbegabte Gattin und Gehilfin des Kaisers: Sie war gekrönte ungarische Königin und gekrönte Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches sowie Mutter von zehn Kindern, darunter zwei Kaiser – Joseph I. und Karl VI. Sie mischte sich ein in die politischen Geschäfte am Wiener Hof, liebte die Musik und wohl auch gutes Essen, was von den jesuitischen Biographen tunlichst verschwiegen und sogar ins Gegenteil verdreht wurde. 15 Jahre überlebte sie ihren Gatten und über fast 40 Jahre führte sie eine intensive Korrespondenz mit ihrem Vater Philipp Wilhelm und ihrem ältesten Bruder Johann Wilhelm im Schloss zu Düsseldorf. Davon berichte ich dann im 3. Teil.
Anmerkungen
(1) Schmidt, S. 280
(2) a.a.O., S. 279
(3) a.a.O., S. 286 ff.; Kaps, S. 31, Schmid, S. 159
(4) Das italienische Originalzitat bei Schmid, S. 162: „1. l’indemnità della religione cattolica, 2. la probabile fecondità et 3. gl’interessi di stato“ (vergl. auch: Schmidt, S. 281)
„l’indemnità“ ist wohl ein Schreibfehler, es muss heißen: „l’indennità“:
Das „Grande dizionario della lingua italiana“ (https://www.gdli.it/) weist das Wort in der heute nicht mehr gebräuchlichen Bedeutung „Bewahrung oder Unversehrtheit; Bewahrung vor materieller oder moralischer Gefahr, Schaden oder Nachteil; Sicherheit, Bewachung, Verteidigung, Schutz“ aus, hier der Eintrag:
Den Hinweis verdanke ich Prof. Dr. Elmar Schafroth von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
(5) Schmidt, S. 294
(6) Wagner, S. 37 f.
Zu Wagner als Biograph vergl. Keller 2019: „Es gibt Indizien dafür, dass die Kaiserin-Witwe ihm zu ihren Lebzeiten ermöglicht hatte, in den kaiserlichen Archiven zu arbeiten bzw. adelige Bibliotheken wie die des Hofkanzlers Philipp Ludwig von Sinzendorf zu benutzen.“
„Freilich ist die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte von Wagners Text über Eleonore Magdalena noch lange nicht im Detail geklärt. Fest steht, dass er kein “realistisches” Bild der Kaiserin zeichnen wollte, sondern sie als Idealbild einer frommen, geradezu heiligmäßigen Fürstin beschrieb. Fest steht aber auch, dass seine Schrift zur gedruckten Verbreitung eines idealisierten, aber doch auch wichtige Charakterzüge der Kaiserin überliefernden Bildes wesentlich beigetragen hat.“
Das gilt es bei der Beurteilung Wagners als biographisch-historischer Quelle immer wieder zu berücksichtigen. Dass er jedoch den Bericht Beckers korrekt wiedergegeben hat, ist kaum zu bezweifeln, wird doch die „Fruchtbarkeit“ von verschiedenster Seite immer wieder als maßgebliches Kriterium der Brautwahl hervorgehoben.
(7) „Humeur (Humor)“ nicht in der heutigen, engeren Bedeutung, sondern als der im Sinne mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Medizin durch die Körpersäfte (lat. humor, Plural: humores) Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle bestimmte Grundcharakter des Menschen wie z.B. Melancholiker oder Choleriker. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Humoralpathologie
(8) Schmidt, S. 78 f.; Kaps, S. 35 f.
9) Wagner, S. 38 f.; Kaps, S. 37, zu den frühen Heiratsplänen: Schmid, S. 160 f., Schmidt 262 ff.
(10) Schmid, S. 162 ff.; Hartleb, Abruf: 12.07.2024
(11) Hartleb, wie Anm. 10
(12) Schmid, S. 162 ff.
(13) Kaps, S. 43
(14) Lerch, Ohne Seitenangaben, teilweise handschriftlich Seitenzahlen hinzugefügt.
Aufgrund der Schmalheit des Bändchens sind aber Textstellen und Graphiken schnell aufzufinden.
(15) Hartleb, wie Anm. 10
(16) Lerch, wie Anmerkung 14
(17) ebd.
(18) ebd.
(19) ebd.
(20) Weid, S.18
Sein Kollege aus Innsbruck betont bei gleicher Gelegenheit: „„Hat Sie nit Geistliche Büchlein aus einer in eine andere Sprach, deren vilen, auch der hohen Lateinischen, Sie eine Meisterin ware, ausbündig (vortrefflich, vorzüglich, musterhaft) übersetzet?“ (Holderriedt, S. 48)
(21) z.B. Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, S. 162
(22) Schmid, S. 168
(23) ebd.
(24) Wagner, S. 29
(25) Bouhours: Pensées chrétiennes
Einen Nachdruck findet man bei Nabu Press (2011) mit der ISBN-10: 1174992387
(26) Bouhours: Christliche Gedanken (Übersetzung von Eleonore Magdalena)
(27) a.a.O., S. 11 ff.
(28) Siehe Kap. 4 als PDF in Original und Übersetzung:
Quellen und Literatur
Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, Sechster Teil (1860), Artikel: Habsburg – Eleonora Magdalena Theresia von der Pfalz, S. 162 f. Digitalisat: https://de.wikisource.org/wiki/BLK%C3%96:Habsburg,_Eleonora_Magdalena_Theresia_von_der_Pfalz
Bouhours, Dominique: Pensées chrétiennes pour tous les jours du mois, 4. Aufl., Louvain (Martin Hullegaerde) 1672, Digitalisat: https://books.google.de/books?id=zQZcAAAAQAAJ&dq
Bouhours, Dominique: Christliche Gedancken Auff Alle Tag deß Monats, Auß dem Frantzösischen in das Teutsche übersetzt [Eleonora Magdalena Theresia Pfaltzgräfin] München (Straub 1685) Digitalisat: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10172901?page=,1
Hartleb, Wilfried: Die Passauer Kaiserhochzeit von 1676, ein Medienereignis von europäischer Dimension, https://wilfried-hartleb.de/die-passauer-kaiserhochzeit-von-1676/ (Abruf: 12.07.2024)
Holderriedt, Jacob: Eisenes, silbernes, güldenes Kayserthumb in dreyfachem Reich, von Eleonora Magdalena Theresia, Weyland Gecrönten Römischen Kayserin ect. Heiligmässig auf Erden geführt bei Hochfeyerlicher Leich-Besingnuß Ihrer Majestät …; Innsbruck 1720, Digitalisat Bayrische Staatsbibliothek: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10320245-1
Kaps, Wolfgang: Eleonore Magdalena (Theresia) von Pfalz-Neuburg (1655 – 1720), https://www.pfalzneuburg.de/wp-content/uploads/2010/03/EleonoreMagdalena1.pdf (Stand: Dezember 2023 von der Webseite: www.pfalzneuburg.de), Letzter Abruf: 27.07.24
Keller, Katrin: Der Biograph der Kaiserin, https://kaiserin.hypotheses.org/1121 (12.05.2019), Letzter Abruf: 11.11.23
Lerch, Johann Martin Die Glückliche Vermählung der beyden Durchleüchtigsten Häusser Oesterreich und Newburg. Oder Gründliche und warhaffte Beschreibung der hochansehlichen Beylagers-Festivitäten deß … Herrn Leopoldi Röm. Käysers … Mit Eleonora Magdalena Theresia Hochgebohrnen Hertzoglichen Princessin zu Newburg, Lintz (Johann Jacob Mayr) 1677, Digitalisat: https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/8440/5
Schmid, Josef Johannes: Eleonore Magdalena von der Pfalz – ein Leben zwischen den Häusern Neuburg und Habsburg, in: Braun, Bettina; Keller, Katrin; Schnettger, Matthias (alle Hrg.): Nur die Frau des Kaisers? Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung Bd. 64), Wien (Böhlau) 2016, S. 157 – 174
Schmidt, Hans: Zur Vorgeschichte der Heirat Kaiser Leopold I. mit Eleonore Magdalena Theresia von Pfalz-Neuburg, in: Ders., Persönlichkeit, Politik und Konfession im Europa des Ancien Régime (Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte 13), Hamburg (Krämer) 1995, S. 259 – 302
Wagner, Franz: Leben, Und Tugenden Eleonorae Magdalenae Theresiae, Römischen Käyserin, Wienn in Oesterreich 1721, Digitalisat Bayrische Staatsbibliothek: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10375953?page=,1
Weid, Peter von der: Spiritus Principalis, Das ist: Fürstlicher, allzeit Großmüthiger Tugendgeist, In Eleonora Magdalena Theresia, Weyland Römischer Kayserin … Da Ihrer Majestät Leich-Begängnuß In der Regenspurgisch-Hochfürstl. Domstiffts-Kirchen bei herrlichen Traur-Gerüst den 10. 11. und 12. April dises lauffenden 1720; Regenspurg 1720, Digitalisat Bayrische Staatsbibliothek: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10320250-0
© Dr. Peter Hachenberg 27.07.2024


Lieber Herr Hachenberg,
Ihr Artikel ist eine Zeitreise, die dem Leser die Chance gibt, sich ein Stück von Eleonora Magdalenas Welt vorzustellen und hineinzuversetzen.