Jan Wellem und die Nymphen

Ein barockes Geburtstagsgedicht für Johann Wilhelm von der Pfalz (geb. 19. April 1658)

Gewaltiger Druck liegt auf der jungen Frau. Drei Töchter hat sie geboren. Die erste, Eleonore Magdalena mit Namen, soll es bis zur Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches bringen, die beiden anderen versterben schon als Säuglinge. Jetzt erwartet Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt im Alter von 23 Jahren ihr viertes Kind, und alle hoffen, dass es endlich der ersehnte Thronfolger sein möge. Der sich sorgende Ehemann ist Philipp Wilhelm, der im Düsseldorfer Schloss regierende Herzog von Jülich und Berg, zugleich auch Pfalzgraf und Herzog von Neuburg an der Donau (72 km nördlich von München), dem Stammsitz der wittelsbachischen Familie, die Anfang des 17. Jahrhunderts die Macht in Düsseldorf übernommen hatte. Sein Großvater Wolfgang Wilhelm (1578 – 1653) ist in Düsseldorf u.a. als Erbauer der Andreaskirche in die Geschichte eingegangen.

Matthäus Merian, Neuburg an der Donau 1650, Wikipedia

Am 19. April 1658, einem Karfreitag, dann die erlösende Nachricht: Der Erbprinz und Stammhalter Johann Wilhelm Joseph Ignatius erblickt im Düsseldorfer Schloss das Licht der Welt, die Eltern sind überglücklich. Vater Philipp lässt aus Dankbarkeit eigens eine Kapelle für den Stammhalter erbauen, die seinerzeit außerhalb der Stadtmauern gelegene Jan-Wellem-Kapelle in Düsseldorf Hamm. Der Beiname Ignatius bezieht sich wohl auf Ignatius von Loyola (1491 – 1556), den vom strenggläubig katholischen Vater verehrten Begründer des Jesuitenordens.

Die Nachricht von der glücklichen Geburt des Prinzen erreicht schnell auch die Stadt Neuburg, wo am dortigen Jesuitenkolleg seit 1654 der Jesuitenpater und europaweit gerühmte Dichter Jacob Balde als Hofprediger und Beichtvater des Herzogs wirkt.

Schloss Neuburg heute, Wikipedia

In seiner Dichtung bedient sich Balde des Neu-Lateinischen, und in dieser hochkomplexen und schwierigen Sprache verfasst er auch ein 730 Zeilen langes Geburtstagsgedicht, die „Musae Neoburgicae“, das uns dankenswerterweise in zwei kongenialen Übersetzungen vorliegt (1):

Deutsches Titelblatt entnommen aus Beitinger, S. 17; Kaps/Arneth, S. 39

Zu Beginn treten zwei Nymphen auf, schöne weibliche Naturgeister, die mit zwei in die liebliche Landschaft Neuburgs eingebetteten Lieblingsorten Philipp Wilhelms verbunden sind: Da ist einmal Schloss Grünau, wo die jungfräuliche Chloris Grienavia (Chloris von Grünau) wacht, unter deren Händen „trockene Zweige und ausgediente Eichenstämme (…) neu ausschlagen“. (Beitinger, S. 25) Nur einen Steinwurf entfernt liegt das Gut Rohrenfeld, wo Grienavias Schwester Rorefelda „für das zahlreiche Weidevieh des Fürsten und für dessen Herden auf üppigen Auen“ sorgt. (Beitinger, S. 27)

Schloss Grünau und Gut Rohrenfeld, Wikipedia

Die beiden Nymphen sind freilich in gedrückter Stimmung. Noch hat sich kein männlicher Erbe eingestellt und man wartet angsterfüllt. Die große Sorge ist nämlich, dass beim Ausbleiben eines katholischen Thronfolgers am Ende wieder ein reformierter, also calvinistischer oder lutherischer Herrscher, die Zügel in die Hand nehmen wird, ein Gedanke, der dem Jesuiten Balde natürlich zutiefst verhasst ist. 

So klagt Grienavia z.B. in Bezug auf Luther: „Sollen wir etwa gar, von noch schlimmeren Furien gejagt, ins alte Chaos zurückgeworfen werden? (…) Offenbar damit mit ihrem Schnabel und gespreizten Flügeln die Gans von Eisleben (ein Spottname für den in Eisleben geborenen Luther) kreische unter den römischen (d.h. päpstlichen, katholischen) Schwänen? (…) Ihr Himmelsbewohner, wehret den Frevel ab, haltet fern ein unheiliges, verhaßtes Geschlecht und wendet es ab, von diesem ganzen Haus.“ (Beitinger, S. 31)

Die hinter dem Spottnamen „Gans von Eisleben“ stehende Geschichte ist folgende: Der tschechische Reformator Johannes Hus wurde während des Konzils in Konstanz 1415 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Vor seiner Hinrichtung soll er geäußert haben: „Heute bratet ihr eine Gans (tschechisch „husa“), aber ein Schwan wird aus der Asche wird auferstehen.“ Dieses Bild des Schwans ist dann später auf den in Eisleben geborenen Martin Luther bezogen und oft in der bildenden Kunst verwendet worden. Balde dreht das Bild wieder um und macht aus dem Schwan nicht ohne eine gewisse Boshaftigkeit von Neuem eine Gans.

Lutherbildnis mit Schwan, Wikipedia

Erlöst werden die beiden Schwester letztlich durch die Mondgöttin Luna, die hier als Geburtsgöttin auftritt und die erflehte Kunde überbringt (2):

„Die erwünschte Geburt verkündige ich. Endlich ist geboren der von allgemeinen Gebeten ersehnte Erbe; er ist dort eingetroffen, wo die Düssel sich im Rhein auflöst. Schon hat das weitberühmte Cleve festlichen Beifall erhoben. (Die Fürsten von Kleve waren die Vorgänger der Pfalz-Neuburger im Düsseldorfer Schloss/PH)

Ich selbst war vom Himmel herabgeschwebt und entband den Knaben aus dem Leib seiner Mutter, so daß er keine Gefahr lief. Erfahrt nun, welche Namen der Knabe Ohnegleichen vom hohen Himmel empfängt!

Und unverzüglich nahm sie wieder ihr goldenes Gestirn hervor, setzte sich auf die gewohnte Kugel und sagte: „So heißt er.“ Und im Takt unter Blitzen malte sie den Äther. Mit Sternenreihen ward der purpurne Äther beschrieben, und die gereihten Sterne blitzten. Man las in Ihnen: Wilhelm, der neue Herzog. Und Ignatius sprühte wundersame Feuer.“ (Beitinger, S. 41)

Folgend der lateinische Originaltext. Mutige mit Lateinkenntnissen können sich ja mal daran versuchen. Die Namen „Rhein“ und „Düsseldorf“ lassen sich aber von jedermann ohne Weiteres identifizieren und mit ein wenig Phantasie auch „Wilhelm“ und „der neue Herzog“.

(Balde, Musae, S. 8)

Alsdann beschreibt Balde eine trunkene und von Feuerwerk überstrahlte Freudenfeier in Neuburg, wo sich auf einer Donauinsel die Naturgötter der Umgebung einfinden, um mitzufeiern. Der Poet schöpft dabei aus dem Vollen und lässt ein Kaleidoskop vielgestaltiger Wesen der griechisch-römischen Mythologie aufleuchten, das uns heutigen Lesern in seiner gelehrten Fülle kaum noch zugänglich ist: Da tummeln sich geile Faune oder Satyrn, Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock; der Donaugott und seine Töchter, die Flussnymphen; Vulcanus, der Schmiedegott und auch die mächtigen Tritonen, Seedämonen mit menschlichem Oberkörper und Unterleib eines Fisches.

Aber nach dem Fest tritt langsam wieder Ruhe ein, und man besinnt sich auf den eigentlichen Grund der ausgelassenen Feier, die Geburt des Erbprinzen. Hier findet Balde anrührende Bilder des von seiner Mutter umsorgten Neugeborenen. Auch hier wieder der Hinweis: Der Text erschließt sich beim lauten Vorlesen ohne weitere Probleme, erklärungsbedürftige Ausdrücke habe ich unter dem Ausschnitt knapp erläutert:

Erst aber wirst lieber Knabe zum Zügeln ein Steckenpferd haben,

Zügel passend für deine Händchen, ein kunstvoll geschnitztes

Pferdchen, Nachfahr des troischen Pferdes, zunächst genug für

diesen Ascanius; (…).

Da du noch zart bist und deine Wangen kein Flaum beschattet,

mögen echte Pferde und Sättel dich lange nicht kümmern.

Dein Hippodrom ist die Wiege, dein Circus das kleine Bettchen.

Lieber sind dir bei weitem die Brust und der Schoß der Mutter,

lieber die Arme der Mutter aus Hessen als ein iberisch

Pferd, das rüttelnd schlägt im Geschirr mit Schnauben und Schäumen.

Magst die Liebe der Mutter, die dich umarmt mit

tausend Küssen, vorzieh’n dem ernsten Pfeifen so lange,

bis in stärkerem Alter du wie ein Held aus Pella

auf dem Bukephalos kriegerisch Leben wirst wünschen können.

Jetzt liebkose die Mutter, selbst der Liebkosung bedürftig.

Scherz‘ ohne Scheu ihrem Lächeln mit schiefen Äuglein entgegen!

Auch eine Klapper tut der Ehre des Knäbleins nicht Abbruch.

(Arneth/Kaps, S. 94 f.)

troisch = trojanisch, bezieht sich auf das berühmte trojanische Pferd der Griechen bei der Eroberung von Kreta

Ascanius = In der römischen beziehungsweise griechischen Mythologie der Sohn des troianischen Fürsten Aeneas und erster König von Alba Longa, der Mutterstadt von Rom, somit einer der Stammväter des römischen Reiches.

Hippodrom = Pferderennbahn

Held aus Pella, Bukephalos = Bukephalos war das berühmte Pferd Alexander des Großen, der in Pella, der Hauptstadt des antiken Mazedonien, residierte.

Gegen Ende des Gedichtes bestürmen die beiden Nymphen Grievelda und Rorefelda den Knaben, Neuburg doch alsbald zu besuchen:

„Oh, wenn man dich doch (…) an Ort und Stelle sehen dürfte! Komm hierher, Wilhelm! Deine Grienavia lädt dich mit demütiger Bitte ein! Deine Rorefelda bittet dich. Hierher, Knabe Ignatius! Dem Vater und der Mutter wird Danubius (der Flussgott der Donau) dienstbar den Weg ebnen, und dem Schifflein wird er seinen Rücken unterbreiten.“ (Beitinger, S. 77)

Der Grund dieser Bitte liegt auf der Hand. Neuburg war in der Gefahr, gegenüber dem immer dominanter werdenden Düsseldorf, dem Machtzentrum Jülich-Bergs, zur bloßen Nebenresidenz herabzusinken. Die Sorge war berechtigt: Als politisches Machtzentrum hatte es am Ende wohl ausgedient, als Familiensitz behielt es jedoch eine gewisse Bedeutung. Immerhin wurden sieben von 19 Kindern des Fürstenpaares in Neuburg geboren und zum guten Teil auch erzogen. (3) Der Sitz der Macht war jetzt freilich in Düsseldorf.

Anmerkungen und Literatur:

(1) Die lateinische Originalausgabe

Jacob Balde: Mvsae Neobvrgicae Ludis genialibus

ist als PDF zu finden unter:

https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb10051808?page=,1 (zitiert im Text: Balde, Musae)

Die beiden Übersetzungen:

Wolfgang Beitinger: Die Neuburger Musen in Festesfreude. Barocke Geburtstagsdichtung aus dem Jahre 1658 verfaßt von Jacobus Balde, in: Neuburger Kollektaneenblatt 140 / 1992, S. 9 – 100 (Abdruck des Originals mit Übersetzung, zitiert im Text: Beitinger)

Rudolf Arneth: Musae Neoburgicae in deutscher Sprache: Übersetzung und Hexameter

Rudolf Arneth, ehemals Studiendirektor am Neuburger Descartes-Gymnasium, hat die Musae Neoburgicae nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern sie auch in Hexameter gefasst. Zum ersten Mal veröffentlicht und zu finden in:

Rudolf Arneth / Wolfgang Kaps: Jacobus Balde, Musae, Neoburgicae, https://www.pfalzneuburg.de/wp-content/uploads/2014/11/Balde_Musae.pdf  (Stand Februar 2016) von der Webseite: www.pfalzneuburg.de (im Text zitiert: Arneth/Kaps)

Der Neuburger Heimatforscher Wolfgang Kaps liefert in seiner Übersicht neben der verdienstvollen Übersetzung von Arneth eine weitere, wahrhaft beeindruckende Materialfülle.

(2) Luna (welche mit Diana identifiziert wird) ist hier die Göttin der Entbindung. Sie hat diese Funktion von der ursprünglichen Geburtsgöttin Lucina übernommen. Außerdem ist sie hier wichtig als ‚Fernmelde-Himmelskörper‘. Wer sollte sonst die in Düsseldorf erfolgte Geburt verbürgen. (Beitinger S. 94, Anm. 49)

(3) Außerdem verbrachten sowohl Philipp Wilhelm als auch seine Gattin die letzten Lebensjahre in Neuburg und fanden dort auch die letzte Ruhe, wobei die 1709 verstorbene Elisabeth Amalie ihren Mann um fast 20 Jahre überlebte.

© Dr. Peter Hachenberg 19.04.2024