Leben, Leiden und Tod Wilhelms V. – Teil 2

Letzte Tage und Bestattung des großen Düsseldorfer Herzogs

VON PETER HACHENBERG

Am 5. Januar 1592 schließt Herzog Wilhelm, genannt der Reiche, für immer seine Augen. Nahezu 53 Jahre hat er regiert über den großen Länderkomplex der Vereinigten Herzogtümer Kleve, Jülich, Berg und Düsseldorf zu einer ansehnlichen Residenz mit Schloss und beeindruckender Befestigungsanlage ausgebaut. Über seine Verdienste, aber besonders auch seine Krankheiten, seinen Tod und dessen Ursache habe ich auf meiner Webseite in einem ersten Teil berichtet. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Obduktion, die der Leibarzt des Fürsten, Solenander, wenige Tage nach dem Tod Wilhelms durchgeführt hat.

In diesem zweiten Teil wird es um die letzten Tage und Stunden des Fürsten gehen. Wie verbringt der Herzog diese Zeit des weltlichen Endes? Wie reagiert seine Umgebung? Was tun der Leibarzt und seine Helfer, um sein Leiden zu lindern? Wir erhalten so auch einen gewissen Einblick in die medizinischen Möglichkeiten des 16. Jahrhunderts. Danach folgt die Beschreibung der Bestattung des Herzogs in der Fürstengruft von St. Lambertus.

Bilder prägen die Wahrnehmung

Kaum ein Bild prägt sich dem Betrachter mehr ein als das Gemälde von Johan Malthain, das den greisen 75jährigen Herzog Wilhelm im Jahre 1591 zeigt und in der hervorragenden Sammlung des Stadtmuseums Düsseldorf zu sehen ist: (1)

© Mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums Düsseldorf SMD.B 4_AS

Das eingefallene, bleiche Gesicht, die großen, fahlen Hände, der nach unten seitwärts gerichtete, geistesabwesende Blick, der dunkelbraun-schwarze Umhang, der düstere Hintergrund drängen dem Betrachter geradezu ein Urteil auf: Dieser Mann ist alt, schwach, schwermütig, dem baldigen Ende geweiht.

Interessanterweise beherbergt das Stadtmuseum jedoch auch ein Miniaturbildnis des Fürsten (Bildfläche 10,4 cm im Durchmesser), das ein unbekannter Maler Anfang des 17. Jahrhunderts auf der Basis des Malthain’schen Werkes geschaffen hat und das den Herzog in einer völlig anderen Weise zeigt:

© Mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums Düsseldorf SMD.B 176_StA

Ein Greis, gewiss, aber mit wachem, dem Betrachter in die Augen schauenden Blick, mit einem feinen, etwas verschmitzten Lächeln, und auch der düstere Umhang ist verschwunden, ersetzt durch ein Gewand mit einer hellen Pelzverbrämung. Derselbe Fürst, aber nicht dieselbe Person, wenn man es so ausdrücken will. Der Zweck der Miniatur ist unklar, es könnte sich vielleicht – ich spekuliere ein wenig – um ein Geschenk an einen Verwandten zur Erinnerung an Wilhelm handeln und ist vielleicht aus diesem Grunde auch etwas geschönt? (2)

Wie geht es nun mit ihm zu Ende? Wie verbringt dieser Mann seine letzten Tage und Stunden? Wird er jammern? Wird er kämpfen? Ergibt er sich klaglos in sein Schicksal? Aufschluss gibt uns wieder der detaillierte Bericht seines Leibarztes Solenander, den dieser wenige Tage nach dem Tod Wilhelms verfasst hat. Solenanders Text ist sperrig. Man merkt, dass er in aller Eile verfasst wurde. Die Chronologie ist nicht leicht zu entschlüsseln, teilweise finden sich inhaltliche und sprachliche Wiederholungen, was nicht immer leicht zu durchschauen ist. Ich hänge den Bericht in Anmerkung 3 als PDF an, so kann sich, wer will, selber ein Bild machen. (3)

Beginn der Krise: Die Vorweihnachtszeit 1591

Die kritischen Tage beginnen in der Zeit vor Weihnachten 1591. Der Arzt findet Wilhelm an einem Morgen etwa acht bis zehn Tage vor Weihnachten entkräftet vor, nicht in der Lage zu stehen oder zu gehen. Dennoch kleidet man ihn an, in der Hoffnung, der Zustand würde sich bessern.

Frühes Neuhochdeutsch – viel leichter als man denkt

Gleich folgen einige Zitate, die ich dem im Deutschen des 16. Jahrhunderts verfassten Original entnommen habe. Das sieht auf den ersten Blick etwas fremd aus, aber wenn man die Texte laut oder halblaut liest, merkt man, dass sie nicht sehr weit von unserem heutigen Hochdeutsch entfernt und sehr gut verständlich sind. Vor allem aber bekommt man ein viel besseres Gefühl für das zeitgenössische Denken und Sprechen, als es bei einer banalen „Übersetzung“ der Fall wäre. Ich werde immer einige Hilfestellungen geben, um das Lesen zu erleichtern. Also, wenn Sie sich in die Zeit Wilhelms und Solenanders versetzen wollen, versuchen Sie es einfach mal!

Zur Einstimmung hier vor dem Zitat in enger Anlehnung eine komplette Version in modernerem Deutsch:

„Dann als Ihre Fürstliche Gnaden unserer Meinung nach ziemlich wohlauf gewesen und gesund sich am Abend eingelagert ungefähr acht oder zehn Tage vor dem Christtag (25.12.1591) und am Morgen aufstehen sollen (…) haben wir Ihre Fürstliche Gnaden so entrüstet und kraftlos im Aufstehen befunden, das wie er empor gewesen, auf den Beinen nicht, wie er pflegt stehen oder gehen konnte; haben wir dennoch Ihre Fürstliche Gnaden gekleidet, verhoffend es soll solche zufällige Accident und Schwachheit mit der Zeit lindern und nachlassen.“

„Dan alß Ihro f. g. (fürstliche Gnaden) unseres bedünkens (unserer Meinung) nach ziemlich woll auf gewesen und gesundt sich am abendt eingelägert ungefehr acht oder zehn tag für Christag (25. Dez. 1591) und am morgen aufstehen sollen (…) haben wir (…) Ir f.g. so entrüstet und krafftlos im aufstehen befunden, das wie Er empor gewesen, auf den beinen nit, wie Er pflegt stehen oder gehen konnen; haben wir dannoch Ihr f. g. gekleidet, verhoffendt es soll alsolch zufellig Accident und schwachheit mit der Zeit lindern und nachlassen.“ (4)

Aber die Hoffnung täuscht. Er wird immer schwächer, kann sich kaum noch bewegen und auch am weihnachtlichen Gottesdienst nicht teilnehmen, für den strenggläubigen Fürsten sicherlich eine schwere Prüfung:

„Und ist also von tag zu tag je schwecher worden, das der einer morgen den andern in schwachheit übertroffen, sonderlich in facultate animali motrice (in der Bewegungsfähigkeit PH), dan er so abgenommen, das er nit mehr gehen oder stehen mogte, auch auf das Hochzeit Christmiß (…) dem Kirchendienst nit beiwohnen kondte, und wir andern, (…), Ir f. g. bei der handt und arm leiten und fhuren mußen.“ (5)

Letzte Tage: Januar 1592
Orangenschalen und Magenpflaster

Anfang des Neuen Jahres verschlechtert sich der Zustand weiter. Man muss Wilhelm an Achseln und Armen aus dem Bett verhelfen und ihn führen. Seine linke Körperhälfte ist dabei stärker von Lahmheit betroffen, und er schleppt das linke Bein nach. So „hat man gemirkt (…), das dannoch an der ganzer linken seidten mehr Lambde (Lahmheit PH) und Unvermugenheit gewesen, also das Ihre f. g. das linker Bein schlepffte.“ (6)

Einen neuen, sich mehrfach wiederholenden Schlaganfall wie ihn der Fürst 26 Jahre zuvor, 1566 auf dem Reichstag zu Augsburg, erlitten hatte, schließt Solenander aber aus. Vielmehr sei die linke Körperseite seit dieser Zeit so geschwächt, dass sich dort der Mangel gerade im erreichten hohen Alter verdoppelt habe. Er, Solenander, denke, „deweyl anno etc. 66 auf dem Reichstag zu Augspurg Ihre f. g. in wenig monaten elfmal an dero seidten paralysi affectus (von Lähmungen betroffen PH) gewesen, dahero die seidt also qualifiziret, das nun, dahe der gantze leib in hoc extremo senio (in diesem hohen Alter PH) über die maß gekrennkt, der mangel an dero seidten duplicirt und sich mehr herfürthut und merken laßen, dann an der andere seidten; … .“  (7)

Gleichwohl hält die fürstliche Gnaden ihre eiserne Disziplin, trinkt wie in den Jahren zuvor „alle morgen Ire Milch zu sterkung und furthel (Vorteil) des leibes“, nimmt auch „starkendt kuchle“,  „confectiones (eingekochte Früchte, Fruchtsirup)“und  „corticum aranticorum ingemacht“ (eingemachte Orangenschale) „zu erhaltung innerlicher krefften“ (8) zu sich, eine Diät, deren gesundheitlicher Nutzen sich heute nicht mehr so recht erschließt, aber im reichen adeligen Hause durchaus üblich war.

Auch behält er die alte Gewohnheit bei, seine Räte und Geistlichen zum Morgen- und Abendtisch zu bitten, aber vom Neujahrstag an kann er kaum noch Speisen zu sich nehmen. Der Magen versagt seinen Dienst, Wilhelm kann die Speisen nicht bei sich behalten: „Und weil der magen sich nit geschlossen und zusammenzoge und bunde (wie es in bona et laudabili concoctione – in guter und lobenswerter Verdauung – pflegt zu sein) haben Ihre f. g. zu mehrmalen die Speise am Tisch sitzend wederom von sich geben, damit der beystehender Cammerdiener und andere vom Adel vil zu thun.“ (9)

Zur Linderung der Beschwerden fertigt der Leibarzt ein „scutum oder ceratinum stomachale“, ein Magenpflaster an, „darzu gerichtet, den magen zu erwarmen, die deuwung (Verdauung) zu mehren, den appetit zu förderen und seine des magens natürliche wärmdt und krefften zu beßeren.“ (10)

Dazu liest man in einem schönen Artikel von Studenten der TU Braunschweig, das aromatische Pflaster „bestand aus einem Harz-Wachs-Talg-Gemisch, in das verschiedene ätherische Öle und pflanzliche Drogen eingearbeitet wurden. Die Pflastermasse wurde zu Stangen, den sog. Magdaleonen, in diversen Längen und Stärken verarbeitet; …

Es fand daher vielfältige Verwendung, z.B. bei Verdauungsbeschwerden, Magenschmerzen oder Magenkrämpfen, vor allem auch nervöser Art, bei chronischem Erbrechen und Leberverhärtungen.“

Solenander verwendet als Inhaltsstoffe seines Magenpflasters, das dann als Umschlag auf den Bauch des Herzogs gelegt wurde, u.a. Gummi Tachamahacae (ein Harz aus verschiedenen tropischen Bäumen), das Öl aus der Gewürznelke (Oleum Caryophylli) und Muskatnussöl (Oleum Macidis). (11)

Aber kann es seine „fruchtbarliche wirkung“ nicht mehr entfalten. Am 4. Januar wird der Herzog „in großer schwachheit gefunden“ kann sich nicht erheben und „ist dannoch und das zum letsten , in den Kleidern gewesen“, setzt sich noch einmal mit den Räten und Geistlichen an den Tisch, kann aber „ghar wenig oder je nichts einnemmen“.  (12) Er sinkt vom Stuhl und muss von den Dienern wieder mühsam aufgerichtet werden, wobei er seufzt: „Wie baldt hinweg, Gott, Gott, patientia (Erleiden, Erdulden).“ (13)

Ameisenpuls, Karfunkelwasser und zerstoßenes Huhn

Die Nacht auf Samstag, den 5. Januar, verbringt er unruhig, gleichwohl scheint es ihm am Morgen besser zu gehen. Als er aber, so Solenander, „den pulsum exploriren  (den Puls fühlen) soll, hab ich den so schwach et plus quam formicantem (schwach, kribbelnd, ameisenartig von lat. „formica“= Ameise) gefunden, daß ich mich darüber nit unbillig sehr entsetzt, …“. (14)

Erheben kann sich Wilhelm nicht mehr, man trägt ihn in einem dafür hergerichteten Sessel in ein anderes Gemach und ein frisches Bett. Er ist „so schwach gewesen, das man Innen (ihn) nit entkleiden konnen, auch nit zu tragen und zu leiten war, hat man Innen im Nachtrock auf einen Sessel, der darzu verfertigt, ins nechste gemach getragen, daselbst alsbald zu einem Bedde, welches darzu ausgerichtet, verholffen.“ (15)

Man stärkt ihn mit „mit guten kuelwasser, so ex aqua rosarea distillirt, auch mit (…)  Hertzkarfunkelwasser“ (16), also wohl Rosenwasser und Wasser, in das man Karfunkel, rote Edelsteine (z.B. Granate oder Rubine), eingelegt hatte und das so eine besondere Heilkraft entfalten sollte. Geschickt hatte es Anna, die Pfalzgräfin bei Rhein, Wilhelms zweitälteste Tochter, die 1574 den Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Pfalz-Zweibrücken, geheiratet hatte und deren berühmter Urenkel der in Düsseldorf so verehrte Johann Wilhelm, sprich Jan Wellem, ist.

Anna von Kleve, Jülich und Berg, zweitjüngste Tochter Wilhelms des Reichen 

Nahrung kann der Fürst nicht mehr zu sich nehmen, man kann ihm nur noch einige Löffel „süße milch“ und „ein contusum pulli ein kräftiges gestoßen“, also wörtlich „ein Gestoßenes, Zerstoßenes des Huhns“ oder einfach „zerstoßenes Huhn“, wohl Hühnerbrühe, einflößen. (17) Während des ganzen Tages sind „Prädikanten“ – Prediger und Seelsorger – anwesend, um „Ihre f.g. zu ermanen, aufzumuntern und zu sterken“. (18)

Abschiede

Über alle Maßen geschwächt und der Sprache nicht mehr mächtig, aber „noch bei gutem verstandt, auch mehr ermuntert und erleuchtet gewesen, dan (…) zu etlichen vorigen Jaren“ nimmt Wilhelm Abschied von seinen Beratern, Hofdamen, seiner Schwiegertochter Jakobe und seinen Kindern. Als er seine geliebte Tochter Sibylle sieht, „hat er merklich gelachet, sein seiden Baretlein vom Haubt abgezogen, seine handt geküßet und der Dochter geben, (…).“ Aber er kann „seine affectus (Gefühle) mit wortten nit von sich geben.“ (19)  

Sibylle von Kleve, Jülich und Berg, älteste Tochter Wilhelms des Reichen

Am Abend besucht ihn auch sein Sohn Johann Wilhelm, zu dem das Verhältnis zeitlebens gespannt war – siehe dazu die Beiträge auf meiner Webseite –  aber angesichts des nahenden Endes reicht er ihm die Hand, will noch „ein wort zwey oder drey sagen“, die aber nicht zu verstehen sind, und segnet ihn „nach der handtgebung (…) auch signo crucis (mit dem Kreuzzeichen)“. (20)

Johann Wilhelm, der Sohn Wilhelms des Reichen

In den Abendstunden ließ sich der „athem fast hohe in der Brust“ vernehmen und „im halß das röcheln hören“, bis „ungefehr ein fiertheil stund vor die zehen Ihre f. g. in fiducia et invocatione filii (im Vertrauen auf und in der Anrufung des Sohnes Gottes) seliglich verscheiden und pie (im Glauben, gottesfürchtig, fromm) in dem herrn Christo entschlaffen ist, dem der allmächtiger Gott in resurrectione iustorum (in der Auferstehung der Gerechten) eine fröhliche Ufferstehung verliehen woll.“ (21)

Am Abend des 5. Januar 1592 um Viertel vor zehn also ein friedliches und sanftes Ende eines Mannes, der nach seinem ersten Regierungsantritt 1539 die Vereinigten Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg mit den Grafschaften Mark und Ravensberg fast genau 53 Jahre lang regiert hatte.

Wil­helms Wirken für die Herzogtümer, so fasst es Olaf Richter im „Portal Rheinische Geschichte“ zusammen, war „im We­sent­li­chen durch den in­ne­ren Aus­bau sei­nes Her­zog­tums ge­prägt. Durch so ge­nann­te „Po­li­ce­y­ord­nun­gen“ ver­stärk­te er sei­nen Ein­fluss auf das kirch­li­che und so­zia­le Le­ben. Er rich­te­te hö­he­rer Schu­len ein (so das berühmte erste Düsseldorfer Gymnasium unter Johannes Monheim/PH) und mo­der­ni­sier­te das Rechts- und Ver­wal­tungs­we­sen. (…)

Trotz der er­reich­ten, teil­wei­se auch dau­er­haf­ten Re­for­men ge­lang es zu Wil­helms Re­gie­rungs­zeit nicht, die Ver­fas­sungs- und Ver­wal­tungs­struk­tu­ren der ein­zel­nen Län­der­tei­le Jü­lich-Kle­ve-Berg-Mark-Ra­vens­berg zu ver­ein­heit­li­chen und bei den Ein­woh­nern das Be­wusst­sein her­vor­zu­ru­fen, ei­nem ge­schlos­se­nen Staats­we­sen an­zu­ge­hö­ren.“ (22)

Tatsächlich fällt der Länderkomplex nach dem Tode von Wilhelms Sohn Johann Wilhelm auseinander. Jülich und Berg kommen dabei unter die Herrschaft der Pfalzgrafen und Herzöge von Neuburg an der Donau. Bayern also, Wittelsbacher, die Düsseldorf schon früh als ihre Hauptresidenz wählen und ausbauen. Der berühmteste Spross heißt ebenfalls Johann Wilhelm, weshalb man ihm die römische II. hinzugefügt hat, Kurfürst Johann Wilhelm II., 1658 in Düsseldorf geboren, dort 1716 verstorben.

Bestattung in der Fürstengruft
Ein monumentales Grabdenkmal

Bestattet wird der Fürst am 10. März 1592 nach einem prächtigen Trauerzug durch das Städtchen und den Trauerfeierlichkeiten in St. Lambertus, der ältesten Kirche in der Düsseldorfer Altstadt, in der dortigen Fürstengruft.

Die Gruft liegt direkt unter dem einige Jahre später dort errichteten monumentalen Grabdenkmal für den Herzog, das ihm sein Sohn Johann Wilhelm errichten ließ.  (23)

Foto: Peter Hachenberg mit freundlicher Genehmigung der Lambertuspfarre Düsseldorf

Zwei Ahnenreihen mit Wappen in den Klauen haltenden Löwen führen zum Sarkophag, auf dem der Herzog mit weit offenen Augen, den rechten Arm fast leger aufgestützt , in voller Ritterrüstung liegt, direkt über ihm seine eingemeißelte Biographie, eine Übersetzung findet sich in Anm. 24. (24)

An den Seiten Memorialinschriften für seine Eltern. Im mittleren Teil halten zwei Putten das herzogliche Wappen, darüber ein Relief mit einer vorzüglichen Darstellung des Jüngsten Gerichts. In den Seitennischen von links nach rechts Personifikationen der Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit. Über dem Relief der Wahlspruch Wilhelms „IN DEO SPES MEA“ (In Gott meine Hoffnung), direkt daneben, Karyatiden ähnlich, Darstellungen von Tod und Vergänglichkeit. Links freistehend die Statue der göttlichen Tugend „Glaube“, rechts die der „Liebe“ und im kleinen Tempelchen über dem Wahlspruch die Tugend der „Hoffnung“, nämlich der Hoffnung auf Erlösung und ein ewiges Leben in Gott. Die Spitze bildet die Figur des Auferstandenen, Jesus Christus.

Die bescheidene Gruft

Aber zurück zur Gruft, einem eher bescheidenen Raum von ca. 14 qm Fläche und 2,25 m Höhe.

Der Eingang zur Gruft Foto: Peter Hachenberg mit freundlicher Genehmigung der Lambertuspfarre Düsseldorf

Sie muss im Wesentlichen in den ersten zwei Monaten des Jahres 1592 von Johann Pasqualini, dem Hofarchitekten Wilhelms, errichtet worden sein, denn in einer Inschrift an der Westwand der Gruft  heißt es, hier in der deutschen Übersetzung aus dem Lateinischen:

„Es verstarb der durchlauchtigste Fürst Wilhelm, Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Graf von der Mark und Ravensberg, Herr zu Ravenstein im Jahr 1592 am 5. Januar und er wurde in dieser Gruft beigesetzt am 10. März. (…) Unter der Aufsicht und mit der Beharrlichkeit des Architekten dieses durchlauchtigsten Fürsten, Johannes von Pasqualin, wurde diese Gruft 1592 errichtet.“ (25)

Das lateinische Original ist links auf dem Foto zu sehen, darunter die persönliche Signatur Pasqualinis als Monogramm „15JAPL92“. Dazu heißt es im Projekt Deutsche Inschriften: „Dass Pasqualini seine Signatur (…) in der Gruft hinterließ, obwohl diese kein öffentlich zugänglicher und zudem sehr schlichter Raum war, steht im Zusammenhang mit der besonderen Bedeutung des Ortes.“ (26)

Foto: Spengler-Reffgen, Inschriften Nr. 94, St. Lambertus, Fürstengruft, Gesamtaufnahme Westwand, u.a. mit Sterbevermerk für Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg und Bau- und Meisterinschrift des J. Pasqualini sowie Sterbevermerk für Wilhelms Schwester Amalie und Graffiti – AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Gerda Hellmer) mit freundlicher Genehmigung durch Ulrike Spengler-Reffgen.

Besonders bemerkenswert ist neben weiteren Inschriften ein nahezu anrührendes Totengedicht, das ein gewisser Jakob Lom aus Roermond an der Südwand hinterließ: In einem knappen und schlichten Frage-Antwort-Schema werden Herkunft, einige Lebensstationen und das Ende des Fürsten beschrieben. Das Gedicht hat im Gegensatz zur Inschrift auf dem später errichteten Ehrenmal einen fast familiären, privaten Charakter:

Wer liegt hier? Der Herzog von Jülich. Aus welchem Elterngeschlecht? Er wurde geboren aus dem erlauchten Geblüt der Klever.

Welche war seine Gemahlin? Maria ist jene gewesen. Aus welchem Stamm? Des großen Kaisers Schwester, von dem seligen Kaiser abstammend.

Wem diente er als junger Mann? Dem Krieg. Wem in den Jahren als Erwachsener? Dem Frieden. Wem als Greis? Der Gerechtigkeit und Gott.

An welcher Krankheit verstarb er? An Altersschwäche und Leiden des Herzens. Wie? In der Hoffnung unbesiegt und im Glauben nicht wankend.

Also ist er vergangen? Der erste Teil lebt. Was (tut) der andere? Er wird auferstehen. Von wo? Aus diesem Grab. Wann? Wenn die Posaune ruft.

Als das fünfte Licht des neu erstandenen Jahres aufgeleuchtet hatte, strebte der klevische Fürst zu dem seligen Königreich.

Von dem Verfasser Jakob Lom aus Roermond (27)

Foto: Spengler-Reffgen, Inschriften Nr. 94, St. Lambertus, Fürstengruft, Wandinschriften, Totengedicht für Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg, an der Südwand. 1592 – AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften (Gerda Hellmer) mit freundlicher Genehmigung durch Ulrike Spengler-Reffgen
Die Geschichte der Gruft

Die Geschichte der Gruft ist lang und verwickelt: Neben Wilhelm dem Reichen und seinem Sohn Johann Wilhelm wurde dort über die Jahre eine Reihe hochrangiger Damen beigesetzt. Die bekannteste unter ihnen ist sicherlich die unglücklich verstorbene, möglicherweise ermordete Jakobe von Baden, Gattin des Sohnes Wilhelms, deren Gebeine 1819 oder 1820 aus der säkularisierten Kreuzherrenkirche in die Gruft überführt wurden und die einen besonderen Bleisarg erhielten.

Jakobe von Baden, Schwiegertochter von Herzog Wilhelm

Ob es sich allerdings wirklich um die Gebeine Jakobes handelt, ist nicht unumstritten. Unstreitig ist allerdings, dass sie als Weiße Dame weiter im Düsseldorfer Schlossturm spukt und überhaupt eine der populärsten Charaktere in der Geschichte der Stadt ist. Sicher ist ebenso, dass die Gemeinde von St. Lambertus 1809 die in der Gruft befindlichen Bleisärge aus Finanznot verkaufte und die daraufhin lose herumliegenden Knochen 1820 in einem Sammelsarg untergebracht wurden, den allerdings wohl Mitte des 19. Jahrhunderts Grabschänder aufbrachen. 1954 wurde durch den damaligen Stadtbaudirektor und Stadtkonservator P. H. Camp der lange Zeit unauffindbare Eingang wiederentdeckt. Der Fund aus dem Sammelsarg und dem Einzelsarg, der Jakobes Überreste enthalten soll, wurde zur Identifikation der Verstorbenen dem seinerzeitigen Institut für gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie Düsseldorf übergeben und dort unter der Leitung von Dr. Heinz Schweitzer untersucht. (28)

1960, am 6. Mai, wurden die Gebeine wieder in der Gruft beigesetzt. Gelegentlich wird sie zur Besichtigung geöffnet, so zuletzt wieder unter der Leitung des besten Kenners der Lambertuskirche und der Gruft, des Düsseldorfer Historikers Ulrich Brzosa. Hier ein Artikel mit Fotos aus der Rheinischen Post.

Offene Fragen

Endlich also hat der große, aber wenig bekannte und gewürdigte Düsseldorfer Herzog seine letzte Ruhestätte gefunden, ja wenn nicht einige Fragen offenblieben. Was nämlich den Befund der Gebeine in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts betrifft, ergeben sich einige Ungereimtheiten. Ich muss gestehen, dass ich eigentlich schon in diesem Beitrag darauf eingehen wollte, aber die Sache hat sich als so verwickelt herausgestellt, dass ich ihr einen eigenen Text widmen werde. Ein paar  Andeutungen mögen hier die Neugier wecken: Von Schädeln und Wirbelsäulen wird die Rede sein, von zwei fürstlichen Schwestern, von denen eine königlich heiratet, und von einem hübschen Porträt, von dem man leider nicht wirklich weiß, wen es darstellt. Ein wenig Geduld also noch, liebe Leserinnen und Leser.

Anmerkungen

(1) Spengler-Reffgen, Inschrift 88

(2) Land, S. 19;  Muschka, S. 291 ff.; Spengler-Reffgen, Inschrift 100

(3) Hier der Text Solenanders als PDF:

(4) Solenander, S. 169

(5) ebd.

(6) Solenander, S. 170

(7) ebd.

(8) ebd.

(9) ebd.

(10) Solenander, S. 171

(11) ebd.

(12) ebd.

(13) Solenander, S. 172

(14) a.a.O., S. 174, auch S. 172

(15) ebd.

(16) Solenander, S. 175

(17) a.a.O., S. 174

(18) a.a.O., S. 175

(19) ebd.

(20) Solenander, S. 176

(21) ebd.

(22) Richter

(23) Heintz, S. 439 – 469, Spengler-Reffgen, Inschrift 106

(24) Spengler-Reffgen, Inschrift 106

Dem erlauchtesten Fürsten, Herrn Wilhelm, dem Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Grafen von der Mark und von Ravensberg, Herrn in Ravenstein, dem hochverdienten Vater, der, im Jahr Christi 1516 am 5. Tag vor den Kalenden des August geboren, sein Leben bis zum Jahr 1592 führte, der, als er in das Mannesalter eintrat, wegen des Herzogtums Geldern und der Grafschaft Zütphen in einen höchst beschwerlichen Krieg gegen Karl V., Kaiser sowie Herr von Belgien (= ehemals burgundische Niederlande), verwickelt wurde, nach einer Zeit von vier Jahren Frieden schloss und die durchlauchtigste Frau Maria, Tochter Ferdinands, des Königs der Römer und späteren Kaisers, heiratete. Und nachdem eben dieselbe in den Himmel vorausgeschickt und in Kleve begraben wurde, wurde er durch sehr viele Verwirrungen wegen der Kriege im Inneren Germaniens und den benachbarten belgischen und kölnischen Gegenden übel mitgenommen, nachdem er vorher, um den öffentlichen Frieden im Reich zu bewahren, durch Tat und Rat oft zahlreiche Anstrengungen glücklich auf sich genommen hatte. Als er endlich den Seinen 53 Jahre [lang] auf lobenswerte Weise vorgestanden hatte, gab er zum Schmerz aller, durch das hohe Alter erschöpft, an den Nonen des Januar die Seele höchst sanft dem besten, höchsten Gott zurück. Johann Wilhelm, der einzige Sohn und Erbe, hat ihm tief betrübt das Denkmal gesetzt.

(25) Spengler-Reffgen, Inschrift 94

(26) ebd.

(27) ebd.

(28) Schweitzer

Quelle

Bericht des Leibmedicus Dr. Solenander über Krankeit und Tod des Herzogs Wilhelm III. von Jülich-Cleve-Berg. (1592.), in: Archiv für die Geschichte des Niederrheins 6, 1868, S. 168 – 179; digital:

https://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/periodical/pageview/3336860

zitiert als: Solenander

Literatur

Heinz, Stefan: Auferstehungshoffnung nach römischem Vorbild. Das Düsseldorfer Grabdenkmal für Wilhelm V. im kunsthistorischen Kontext, in: Guido von Büren, Ralf-Peter Fuchs, Georg Mölich (Hg.), Herrschaft, Hof und Humanismus. Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg und seine Zeit, Bielefeld (Verlag für Regionalgeschichte) 2020, 2. Aufl.,S. 439 -496

Land im Mittelpunkt der Mächte. Die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg, hg. Vom Städtischen Museum Haus Koekkoek Kleve und vom Stadtmuseum Düsseldorf, Kleve (Boss-Verlag) 1984, 3. überarbeitete Aufl.

Muschka, Wilhelm: Opfergang einer Frau. Lebensbild der Herzogin Jakobe von Jülich-Kleve-Berg, geborene Markgräfin von Baden, Baden-Baden (Verlag Schwarz GmbH) 1989, 2. Aufl.

Richter, Olaf: Wilhelm V. von Kleve, Herzog von Jülich-Kleve-Berg, Graf von der Mark und Ravensberg (1516-1592):  in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-v.-von-kleve/DE-2086/lido/57c93100eecee4.70442400  (abgerufen am 10.07.2025)

Spengler-Reffgen, Deutsche Inschriften online. Die Inschriften der Stadt Düsseldorf,  https://www.inschriften.net/duesseldorf/einleitung.html, beruhend auf: Die Inschriften der Stadt Düsseldorf. Band 89 der Reihe „Die Deutschen Inschriften“. Nach der Sammlung und den Vorarbeiten von Katharina Richter bearb. von Ulrike Spengler-Reffgen, Wiesbaden (Reichert Verlag) 2016

Schweitzer, Heinz: Zur Identifizierung der in der Fürstengruft der St. Lambertuskirche zu Düsseldorf aufgefundenen Gebeine, in: Düsseldorfer Jahrbuch Bd. 50, 1960, S. 1 – 27

© Dr. Peter Hachenberg 12.07.25