Johann Wilhelm der Unglückliche (2.Teil)

Diäten, Wunderheiler, Exorzisten

VON PETER HACHENBERG

Auch als „Hörbuch“! YouTube-Video unter dem Text.

Der junge Herzog litt fürchterlich. Dunkle, depressive Phasen voller Todesangst und Antriebslosigkeit wechselten mit Perioden höchster Gereiztheit, in denen er sich bis zur Raserei und zu körperlichen Attacken auf seine Umwelt steigern konnte. Die Ärzte diagnostizierten dem Wissen der Zeit gemäß eine „Schwermütigkeit und Melancholie“, hervorgerufen durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Die Milz war nicht mehr in der Lage, das Übermaß an verbrannter, schwarzer Galle zu verarbeiten, eine Schwäche, die Johann Wilhelm I. ( (1562 – 1609) von seinem Vater, dem mächtigen Herzog Wilhelm V. (1516 – 1592), genannt „der Reiche“, geerbt hatte, so die Diagnose der Leibärzte, allen voran Dr. Reiner Solenander.

Dominicus Custos artist QS:P170,Q3657264, JohannWilhelmvonJuelichKleveBerg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Vater und Sohn residierten im Schloss zu Düsseldorf, das sich im Laufe des 16. Jahrhunderts von einem verschlafenen Provinzstädtchen zu einer ansehlichen Residenzstadt der Vereinigten Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg mit durchaus beeindruckender bastionärer Befestigungsanlage entwickelt hatte. (1)

Düsseldorf 1620, Bild mit freundlicher Genehmigung des Schulverwaltungsamtes der Stadt Düsseldorf aus: Dokumentation zur Geschichte der Stadt Düsseldorf Bd. 5, Pädagogisches Institut der Landeshauptstadt, August 1983, S. 18
Die leibärztliche Kunst – Diätik, Drogen, Aderlässe

Bereits im Oktober 1589 hatte Solenander auf Anforderung der fürstlichen Räte zusammen mit seinen Kollegen ein Gutachten verfasst, das auch erste Therapievorschläge zur Heilung der „Melancholia“ enthielt. In „Johann Wilhelm der Unglückliche, 1. Teil“ habe ich dieses Gutachten ausführlich vorgestellt.

Etwa ab dem Neujahrstag 1590 kulminierten dann die Ereignisse. Die Geisteskrankheit Johann Wilhelms artete aus „in Tobsucht. Mit Wehr und Waffen drang der Jungherzog auf seine Umgebung ein, (…). Der Kranke wurde entwaffnet und längere Zeit in Gewahrsam gehalten; in den ersten Jahren nach 1590 wechselten Tobsuchtsanfälle mit Schwermut oder gar mit anscheinend durchaus vernünftigem Wesen“, wie Emil Pauls schon 1897 in seiner Untersuchung zur Geschichte der Krankheit Johann Wilhelms schreibt. (2)

Es war höchste Zeit zu handeln: Im Februar 1590 erschien in lateinischer Sprache eine umfangreiche Abhandlung mit Behandlungsvorschlägen, die sich – wie schon die Diagnose –  an der antiken Tradition des griechischen Arztes Galenos von Pergamon orientierten, der die Lehre von den „sex res non naturales“, den „sechs nicht natürlichen Dingen“ entwickelt hatte – die Dinge, die dem Menschen nicht wie Geschlecht oder die Farbe der Haut durch die Geburt gegeben waren.  (3) Nicht wenige dieser Vorschläge klingen dabei erstaunlich modern und könnten ebenso gut von ganzheitlich orientierten modernen Ärzten stammen:

Die Luft solle rein und wohlriechend sein, vielleicht parfümiert mit Rosenwasser, Apfelschalen oder Citrusrinde. Die Temperatur sei weder zu hoch noch zu niedrig, das Licht weder zu hell noch zu dunkel, die Tapeten sollten freundliche Blumen- oder Fruchtmotive zeigen.

Körperliche Betätigung, natürlich mäßig, wie Reiten und Spaziergänge könne den Schwermütigen ebenso unterstützen wie Musik oder gepflegte Unterhaltungen mit den Höflingen.

Das Essen müsse radikal umgestellt werden, „um die dicken, klebrigen, trüben Substanzen zu vermeiden, die zur Produktion von schwarzer Galle anregten. Insbesondere das Fleisch von Hirsch und Kaninchen, Haus- und Wildschwein, Sumpfvögeln und Staren, Wachteln und grätenlosen Fischen war schädlich. Zu den schwer verdaulichen Gerichten, die ihm seine Köche auf keinen Fall zubereiten durften, zählten Saucen, alter Käse, Haxen, knorpeliges Fleisch, Eingeweide und Hirn, aber auch alles, was das Blut verbrenne, und alles, was sich leicht zu schwarzer Galle zersetzen konnte, nicht zuletzt alle in Butter gebratenen oder stark gewürzten Speisen und alle Süßspeisen. Verzichten musste Johann Wilhelm auch auf Zwiebeln, Rettiche und Senf, auf Kohl und verschiedene andere Gemüsesorten, auf bestimmte Kräuter wie Thymian und Majoran, auf die meisten Wurstsorten und auf alle in Milch gekochten Speisen, da diese Nahrungsmittel Leber und Milz verstopften. Am besten waren für Johann Wilhelm saftige, nicht zu lange gekochte Speisen, die zur Produktion gesunden Bluts beitrugen. Hervorragend eigneten sich neben Brot (sofern es beim Backen gut aufgegangen war), Zicklein, Rehkitz und junges Kaninchen, ja das Fleisch der meisten Jungtiere, aber nicht des Schweins. Bei der Zubereitung dieser Speisen war reichlich Gurkenkraut; Rosenwasser und Ochsenzunge zu verwenden.“ (4)

So die hier vollständig wiedergegebene Aufzählung bei Midelfort, die auch einen schönen Einblick gibt, was im 16. Jahrhundert in hochadeligen Häusern so alles verzehrt wurde.

Der Schlaf stellte ein besonderes Problem dar, denn das Leiden des jungen Fürsten könne durch Schlafmangel „in Manie oder in schlimme Wahnvorstellungen abgleiten“. (5) Acht bis neun Stunden Nachtschlaf seien sicherzustellen, das Abendessen mindestens drei Stunden vor dem Zubettgehen einzunehmen.

Aufnahme und Entleerung (Repletio et Excretio), d.h. alle Körperflüssigkeiten müssten in Bewegung bleiben. Darm und Blase seien folglich regelmäßig zu entleeren, leichtes Schwitzen nützlich. Hier siedelten die Ärzte auch das Sexualleben an, das durchaus stattzufinden habe, aber wieder in Mäßigung: „Nach Möglichkeit sollte der Beischlaf dann stattfinden, wenn auch Jakobe (also die Gattin, PH) Verlangen verspürte, doch es war darauf zu achten, daß die nicht zu oft miteinander schliefen.“ (6) Eben in diesem Sinne hatten sich Solenander und Kollegen ja bereits im Gutachten vom Oktober 1589 geäußert (siehe: Johann Wilhelm der Unglückliche, 1. Teil): Übermäßiger Sex führe dazu, dass der Samen nicht ausreichend reif werde, und dies konnte nicht im Sinne der Dynastie sein, die ja für ihr Fortbestehen auf einen Erben angewiesen war.

Beim Affectus, also dem Gemütszustand, blieben die Ärzte nach Midelfort wohl eher vage: Man möge jedenfalls alles von Johann Wilhelm fernhalten, was zu Angst und Schwermut beitragen könne. (7) Beunruhigende Nachrichten waren also zu vermeiden.

Eine Behandlung mit ausgesuchten pflanzlichen Arzneien, die innerlich oder äußerlich anzuwenden waren und „reinigend, verdauungstreibend, herz- und hirnstärkend, schlaffördernd und erheiternd“ wirken sollten, ergänzte das Programm, so Sabine Graumann. (8) Ob sich der Fürst jedoch konsequent an all diese Vorschläge hielt, scheint eher fraglich. Er bevorzugte offenbar, so die Autorin weiter, ein „ihm von einem Barbier und damit nicht studierten Arzt verordnetes Pulver, möglicherweise eine Mischung aus einigen Kräutern mit den kostspieligen Drogen Gold, Perlen, Bernstein und Einhorn.“ (9)

Ab April 1590 ging man wegen mangelnder Heilerfolge denn auch über die verordneten Maßnahmen hinaus, ließ den Fürsten – wohl ausdrücklich auf seinen eigenen Wunsch – zur Ader, verabreichte Abführmittel und führte Einläufe durch, griff also zum Arsenal schon lange bekannter Methoden. (10) 1595 wurde nach Aussagen Braumanns ein weiteres Gutachten verfasst, dass „neben der Diätik ein weitgefächertes und das erste Consilium bei weitem überholendes Angebot von Drogen enthielt.“ (11) So empfahl man z.B. den Gebrauch der giftigen Koloquinte, eines Kürbisgewächses, als abführendes und reinigendes Purgiermittel, das wegen seiner starken Nebenwirkungen durchaus als gefährlich galt (12).

Alternative Therapien – „Zettelchen unter den Füßen“

Freilich beließen es die Räte nicht dabei, die Leibärzte zu konsultieren, sondern man suchte Rat, wo man ihn nur bekommen konnte. Schon gleichzeitig mit dem medizinischen Gutachten vom Oktober 1589 bat man Hubertus Fronhoven, den Beichtvater Johann Wilhelms, um eine Stellungnahme. Darin verweist dieser zunächst auf die ärztliche Kunst und die hochweisen Räte, gibt aber dann zu bedenken, dass von den Menschen wenig (kleine) Hilfe zu erwarten sei. Man solle ein allgemeines Gebet ausrufen und reichlich Almosen austeilen, vielleicht könne sich Gott dann erbarmen:

„Was nu ferner anlanget das schwachit des gemuets, darzu ist klein hulf by den minschen (kleine Hilfe bei den Menschen) zu finden, soll derwegen raetsam erachten, (…), das man in allen I. F. G. (Ihrer Fürstlichen Gnaden) erflanden (Erblanden) ein ernstlich christlich algemein  gepeet (Gebet) hette lassen  auskundigen und bevelen (befehlen) ; auch in namen I. F. G. staetliche (reichliche) almusen austheilen; wer weiss, Gott nicht sich unser erbarmen und de straefen abwenden.“ (13)

Das Gemüt des Thronfolgers sei geprägt durch Scham, Furchtsamkeit und Schuldbewusstsein (conscientia delictorum). Er, Fronhoven, habe dem Jungfürsten deshalb mehrfach die Beichte abgenommen, Absolution erteilt, das heilige Sakrament gespendet und „das gemuet in friden gesetzt, (…).“ (14)

Derselbe Fronhoven machte sich im Auftrag der Räte am 30. Januar 1590 mit einem Begleiter auf den Weg zu einem gewissen Pfarrer Johann aus Lank (wahrscheinlich dem heutigen Lank-Latum in Meerbusch). Der Pfarrer hatte in Düsseldorf Unterkunft genommen und wurde nun daraufhin befragt, wie das Leiden des Fürsten zu heilen sei. Er empfahl eine Behandlung mit reinem, gesalzenem Wasser – „clar lauter wasser, daran salz werfen“ – (15), über das Segensformeln auf Latein gesprochen werden müssten und das innerlich wie äußerlich anzuwenden sei. Weiter einen auf den Kopf des Herzogs zu legenden Rosenkuchen (der Rückstand, der bei der Herstellung von Rosenwasser verblieb). (16)  Dazu kamen ein in Bier gesottenes Kraut – „alle tags drei mal ungefer an die anderhalb leffel viel“ (17) – sowie weitere Kräuter, deren Namen auf Zetteln unter die Fußsohlen des Herzogs zu binden seien: „Zudem wolle er auch etliche bekente kreuder, (…), auf papeir schreiben, so I. F. G. ( Ihrer Fürstliche Gnaden) under die sölen der fues zu binden.“ (18) Das Ganze müsse als dreißigtägige Kur durchgeführt werden, die nicht unterbrochen werden dürfe.

Die Ratschläge erweckten berechtigterweise den Argwohn der Gesandten und nach weiteren Erkundungen ließ man offensichtlich von dieser seltsamen Kur ab. Zur gleichen Zeit bat man einen Priester in Köln namens Cornelius Ingenhoven um Vorschläge, der den Herzog u.a. mit Weihwasser, geweihten Hostien und dergleichen heilen wollte. Sollte nämlich eine über Feuer gehaltene Urinprobe nicht aufschäumen, hätte man den Nachweis, dass Johann Wilhelm von einem bösen Geist besessen wäre. (19) Die theologischen Gutachter wiesen diese Methoden als abergläubig zurück, solche Vorschläge könnten nur von Leuten kommen, „die mit dem Teufel wenigstens einen geheimen Vertrag abgeschlossen haben (…).“ (20)

In den nächsten Jahren folgten weitere mehr oder weniger obskure Vorschläge, auch volksmedizinischer, magischer oder astrologischer Natur, die jedoch allesamt im Sande verliefen. (21)

Der englische Wunderheiler

Der Kulminationspunkt der Behandlung ging einher mit den reformerischen Prinzipien medizinischer Theorie und Praxis, die besonders auch vom kaiserlichen Hof, namentlich Kaiser Rudolf II., gefördert wurden und mit dem Schweizer Arzt Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493 oder 1494 – 1541), genannt Paracelsus, verbunden sind. Dessen „Medizin gründete auf Erfahrung, Experimenten und Naturbeobachtungen, und seine Erkenntnisse führten ihn zu einem neuen, chemischen Verständnis des Organismus; (…).“ (22) Die Erfolge des Paracelsus „beruhten zum Teil darauf, daß er chemische Substanzen, hauptsächlich metallische Verbindungen, (…) anstelle von Säfteableitungen und Pflanzenmischungen verabreichte.“ (23)

Die Berater des jungen Fürsten gerieten jedenfalls in diesem Klima des medizinischen Umbruchs  1596 an einen offensichtlich sehr charismatischen, etwa 33 Jahre alten, in Holland ansässigen Engländer namens John Lumkin (auch zu finden als „Lorimer“ oder „Lumkyn“) , der wohl hervorragende Referenzen vorweisen konnte und sich durch eine Reihe spektakulärer Heilungen, um nicht zu sagen Wunderheilungen, einen Namen gemacht hatte. (24) Dass seine Behandlungen gelegentlich drastisch fehlschlugen – z.B. eine Räucherkur mit Quecksilber – und in einigen Fällen sogar zum Tode führten (25), ging demgegenüber in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Lumkin ließ außerdem verlauten, er habe „melancholische und mit hauptsblödigkeit und schwachheit behaffte (behaftete) leutn, völlig curiert, und ihnen zu ihre foriger gesondheit unnd vernunfft verhollfen“. (26). Jedenfalls überzeugte er seine Zeitgenossen tatsächlich dadurch, dass auch „Wanwitzige und tobende leuth“ (27) ruhig wurden, wenn er sie nur an der Hand hielt.

Die an der Tradition des Galen orientierten Leibärzte bleiben freilich skeptisch, konnten aber am Ende nichts dagegen ausrichten, dass Lumkin mit der Zustimmung von Kaiser Rudolf II. dem Fürsten einen in der Zusammensetzung geheimen Trunk verordnete. (28) Graumann vermutet, dass sich die Medizin möglicherweise „aus traditionellen Mitteln wie Saphiren, Korallen, Perlen, Gold, Salbei, Rosmarin, Muskat und Nelken“ zusammensetzte (29). Am Dienstag nach Ostern 1597 kam es jedenfalls  zu einer Art ritualisierter Darreichung des Trunks: „Damalen hat der bestellter neuer Meister (also Lumkin) den trank, so Ihre F.G. (Fürstliche Gnaden) brauchen solle, erstlich (zuerst) getrunken, folgends seine Diener, folgends die drei Ihrer F.G. Medici (Ärzte), folgends Herrn Kanzler und Räthe, folgends die Herzogin selbst und zuletzt Ihre F.G. unser gnädigster Landsfürst und Herr.“ (30) Johann Wilhelm schien aber ein durchaus gesundes Misstrauen in die Prozedur zu verspüren und soll geäußert haben: „ … Du willst uns curieren und helffen, und bist selbst ein Narr oder geckh …“ (31)

Danach konnte der Herzog drei Tage und Nächte nicht schlafen (32), Graumann spricht sogar davon, dass man ihm den Schlaf entzog (33). Da sich der Zustand nicht besserte, griff Lumkin zum auch schon seinerzeit hoch umstrittenen Antimon, einem hochtoxischen Halbmetall, das schwerste Vergiftungserscheinungen hervorrufen konnte, und verabreichte es dem Patienten. (34) Das alles fruchtete jedoch nichts, die Melancholie verließ Johann Wilhelm nicht. Freilich scheinen dann „Tobsuchtsanfälle nicht mehr vorgekommen zu sein, sondern vielmehr Blödigkeit (Simpelheit) den Grundzug des Wesens des Geisteskranken gebildet zu haben.“ (35)

Die Austreibung der Dämonen

Was tun? Nach dem gewaltsamen Tod seiner Gattin Jakobe von Baden im September 1597 wurde Johann Wilhelm 1599 mit Antonie von Lothringen verheiratet, und auch in dieser neuen Verbindung stellte sich natürlich die dringende Frage, wie für Nachwuchs gesorgt und damit der Fortbestand der Herrschaft gesichert werden konnte. Nachdem man noch einige weitere mehr oder weniger radikale Arzneien ausprobiert und das frisch vermählte Paar zusätzlich 1603 auf eine Badereise nach Schweich bei Trier geschickt hatte (36), ohne dass es zu einer wesentlichen Besserung gekommen wäre, war die Palette der ärztlichen Heilungsversuche ausgeschöpft, die Leibärzte und Räte überließen das Feld den Dämonen- und Teufelsaustreibern, den Exzorzisten. (37)

Crispyn I de Passe, Antoinette de Lorraine De Passe, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ab dem Frühjahr 1604 wurden der Herzog und seine Gattin immer wieder exorzistischen Ritualen mit Gebeten und Beschwörungen ausgesetzt, was der Fürst mehr oder weniger geduldig mit sich geschehen ließ, Antoinette war wohl mit vollem Eifer dabei. Im Oktober riss Johann Wilhelm freilich die Geduld. Mit blanker Waffe drang der auf seine Gemahlin ein und schrie: „Soll ich den Teufel haben, hinweg mit den Schelmen und Bannittern (Teufelsbannern).“ (39)

Am 20. August 1605 wurde auf Burg Hambach mit dem zweiten Exorzismus begonnen. Anwesend war mit mindestens elf Priestern die Crème de la Crème der Teufelsaustreiber, neben dem persönlichen Beichtvater Kaiser Rudolfs, Johann Pistorius, auch Geistliche des Jesuiten-, Ambrosianer- und Franziskanerordens. (40) Über den Exorzismus existiert ein Augenzeugenbericht eines anonymen Höflings, der aber offensichtlich die ganze Prozedur eher skeptisch und spöttisch beschreibt, so dass man an der Objektivität der Schilderung gewisse Zweifel haben kann (41). Dennoch ist der Einschätzung von Emil Pauls zuzustimmen: „Was der Verfasser (…) über die Vornahme des Exorcismus in Hambach berichtet, dürfte im Wesentlichen der geschichtlichen Wahrheit entsprechen, (…).“ (42)

Superbass, Schloss-Hambach02, CC BY-SA 3.0

Jedenfalls erwies sich Johann Wilhelm wieder alles andere als willfährig. Bereits die Ankunft der Teufelsbanner beobachtete er laut des Berichtes misstrauisch, da er zu ahnen schien, was ihm bevorstand, dass die angereisten Priester nämlich „wieder etwas fremdbts (wie dan auch zuvorn geschehen) mit ihme würden anfahen (anfangen), (…).“ (43)

Während der Sitzungen wurde er dann beschallt mit teilweise laut herausgebrüllten Beschwörungsformeln. Vor seine Brust und über seinen Kopf hielt man ein schwarzes Exorzistenkreuz. Mehr oder weniger willig ließ er das alles über sich ergehen, geriet aber eines Tages doch wieder außer sich und schrie auf Latein: „Ihr selber seid Dämonen oder von Dämonen besessen.“  (44)

In ihrer Not wandten sich die Exorzisten Praktiken zu, die an Voodoo-Kulte erinnern. Während man versuchte, den Teufel mit Schimpfworten zu verbannen, wurde beispielsweise dessen Bild in „greulicher“ Gestalt in Blei gestochen und mit Ruten gegeißelt. Danach ließ man das Wachs von vier oder fünf Kerzen darauf tropfen, um dem Teufel großen Schmerz zu bereiten:

„Inmittelst aber, das der eine Teufelsbender den Teuffell also mit Scheltworten verbante und verfluchte, mußt ein ander, Pater Zacharias (…) des Teuffels bild, zu dem end (zu diesem Zweck) auff (…) bleye in einer grewlichen gestalt gestochen, in ihrer F. Gn. gegenwardt erstlich (zuerst) woll mit ruhten geißelen, darnach aber ein kertz 4 oder 5 darauff laßen triefen, das ihm quasi eine große pein solte sein, (…) .“ (45) Man verbrannte auch Zettelchen mit darauf geschriebenen Namen des Teufels, und warf ihnen noch Steine hinterher, „also wart der arme Teuffell, (…) erstlich verbrannt und darnach gesteinigt“, wie der Augenzeuge süffisant vermerkt. (46)

Alles vergebens: Nach Beendigung des Exorzismus in Hambach verfiel man noch darauf, Johann Wilhelms Schlafzimmer, sein Bettzeug und seine Kleidung mit Weihwasser zu besprenkeln und mit Weihrauch zu verräuchern, seinen Kopf und Bauch mit geweihtem Öl einzureiben und dergleichen (47), aber dann machte sich die Exorzistenschar mehr oder weniger sang- und klanglos aus dem Staub. Johann Wilhelm weinte den Priestern offensichtlich keine Träne nach, wie der Bericht vermerkt: „Sie haben Ihre F. Gn. wollen gute nacht sagen, aber ihre F. Gn. hat ihnen noch seine handt geben, noch ein eintziges wort wollen zuhören, sondern ist von ihnen gangen, als hätte er sie nit gekandt, (…). Daraus woll abzunehmen, wie lieb er sie gehabt.“ (48). Bei der Nachricht, sie seien abgereist, sei er in schallendes Gelächter ausgebrochen. (49)

Letzte Lebensjahre und rascher Tod

Nachdem die Palette der ärztlichen Heilungsversuche ausgeschöpft war und auch die Exzorzisten aufgegeben hatten, blieb es Johann Wilhelm wohl vergönnt, die letzten Lebensjahre „mitt maalen, reitten und spatzieren fahren“ zu verbringen, wie es in einem Brief vom Januar 1605 heißt. (50) Er verstarb eher unerwartet und rasch am 25. März 1609. Über seine letzten Tage existiert ein Bericht der Leibärzte, den Pauls wie folgt zusammenfasst: „Demnach war die Gesundheit des Herzogs in der zweiten Hälfte des Winters 1608/09 nicht sonderlich fest gewesen. Meist zeigte sich nach dem Genuss von Speisen Leibesanschwellung (…), doch war der Herzog niemals bettlägerig krank. Da Johann Wilhelm gegen das Einnehmen von Arzneien Widerwillen hatte, behandelten ihn, und zwar durchgehends erfolgreich, die Ärzte mit äusserlich angewandten Heilmitteln. Am Abend des 24. März stellten sich bedenkliche, recht schmerzhafte Anschwellungserscheinungen ein, die von den Ärzten mit einer im Grase verborgenen lauernden Schlange (…) verglichen werden. Die Nacht verlief für den hohen Kranken schlaflos, und am anderen Morgen vermochten die gewohnten Heilmittel nur geringe Linderung zu bringen. Nach rasch erfolgtem Kräfteverfall verschied Johann Wilhelm, wohl inmitten der Seinigen unter priesterlichem Beistand zwischen und 7 und 8 Uhr abends.“ (51)

Das war das Ende der Dynastie und der Vereinigten Herzogtümer Kleve-Jülich-Berg, der Streit um das Erbe begann.

Hier der Text als „Hörbuch“:

Anmerkungen

(1) Man muss sich in diesem Zusammenhang die politische Relevanz der Person des Fürsten vor Augen führen, um zu begreifen, welche Bedrohung für die Zeitgenossen der schlechte gesundheitliche Zustand Johann Wilhelms darstellte. Die Historikerin Rita Voltmer fasst dies wie folgt zusammen: „Bei Johann Wilhelm, den man aufgrund seiner Simplizität von den Regierungsgeschäften fernzuhalten versuchte, mussten (…) immer wieder Hoffnungen geweckt werden, seine Gesundheit und seine Fortpflanzungsfähigkeit, das heißt das Überleben der Dynastie, könnten wiederhergestellt bzw. gesichert werden. Die Person des Fürsten allein garantierte daher das ungeteilte Fortbestehen der Vereinigten Herzogtümer, (…).“ Voltmer, S. 409

(2) Pauls, Geschichte S.20

(3) Midelfort, S. 146 ff., Graumann, S. 86 ff.

Midelfort und Graumann haben etwa gleichzeitig in zum Teil verschiedenen Archiven (Hauptstaatsarchive München und Düsseldorf) recherchiert. Durch die Unterschiede im Quellenmaterial kommen sie daher auch zu gelegentlich abweichenden Darstellungen, die sich aber zumeist gut ergänzen.

(4) Midelfort, S. 146 f.

Zur Ergänzung hier die Aufzählung bei Graumann (Siehe auch Anm. 3). Zu den erlaubten Speisen „zählten beispielsweise Säfte, Brot, Weizen, frisches Wildfleisch, alle Waldvögel mit Ausnahme der Sumpfvögel, Kalb, Lamm, Geflügel und schließlich Fische wie Hecht, Stachelflunder, Barbe und der sogenannte Dickkopf, eine Karpfenart, daneben frische Eier, Reis gekochter Salat, zuweilen Limonen und in Salzwasser schwimmende eingemachte Oliven. Als Getränk, das übrigens nur morgens gereicht werden durfte, wurde Rhein- und Moselwein oder nicht zu starkes Bier verordnet“ (Graumann S. 87)

(5) Midelfort, S. 147

(6) ebd.

(7) Midelfort S. 148

(8) Graumann, S. 87

(9) Graumann, S. 88

(10) Midelfort, S. 148, Graumann, S. 88

(11) Graumann, S. 88

(12) ebd.

(13) Pauls, Geschichte S.28

(14) Pauls, Geschichte S. 29

(15) Pauls, Gutachten S. 45

(16) Graumann, S. 88

(17) Pauls, Gutachten S. 45

(18) ebd.

(19) Midelfort, S. 149 ff., Pauls, Exorcismus S. 30 ff.

(20) Midelfort, S. 151, Pauls, Exorcismus S. 31

(21) Erwähnt sei noch eine Naturheilkundige aus Ertzelbach, der es 1596 immerhin gelang, dass Johann Wilhelm ein von ihr gebrauter Kräutertrank verabreicht wurde, der freilich völlig unwirksam blieb. (Midelfort S. 155, Graumann S. 89) Die Identität der Heilkundigen bleibt etwas unklar. Möglicherweise ist im gegebenen Zusammenhang die Rede von zwei Frauen mit verschiedenen Tränken. (Siehe auch die Anmerkung 57 bei Midelfort, S. 248) So oder so beklagte man vorwurfsvoll die „unverantwortliche Behandlung des Fürsten durch eine schlechte, medizinisch unerfahrene Weibsperson“. (Midelfort 155)

(22) Graumann, S. 89

(23) Graumann, S. 90

(24) Vergl. zum Folgenden besonders: Midelfort, 155 ff., Graumann, 90 ff., Voltmer, S. 242

(25) Graumann, S. 91

(26) Midelfort, S. 156, vergl. auch Graumann, S. 91: In den Quellen heiße es, Lumkin könne „alle species insaniae, vnd somit denselben behafft vnd heimgesucht, alß phreneticos, melancholicos, lunaticos, daemoniacos curieren“.

(27) Midelfort, S. 158

(28) Der Trunk werde von einem Beobachter freilich beschrieben als „ein lieblich klar distillirt Wasser und quinta (fünf) Eßentia von Edelgesteinen und Kreutter, die der Naturen nit schädlich sein sollenn“. (Graumann, S. 92)

(29) ebd.

(30) Midelfort, S. 161 f.

(31) Graumann. S. 92

(32) Midelfort, S. 162

(33) Graumann, S.92

(34) Graumann, S. 92 f.

(35) Pauls, Geschichte S. 33

(36) Graumann, S. 94, Voltmer, S.  425

(37) Vergl. zum Folgenden besonders: Graumann, S. 94, Midelfort, S. 163 ff, Voltmer, S. 425 ff, Pauls, Exorcismus S. 27 – 52, Bouterwek, S. 201 – 211

(38) Midelfort, S. 164

(39) ebd.

(40) Voltmer, S. 428

(41) Voltmer, S. 427 f, Midelfort, S. 165

(42) Pauls, Exorcismus S. 42

Emil Pauls (1840 – 1911) ist einer der herausragendsten Kenner der rheinischen Geschichte, der den Wert der Quelle mit Sicherheit realistisch beurteilen kann.

(43) Bouterwek, S. 203

(44) Midelfort, S. 165f, Pauls, Exorcismus S. 43, Bouterwek, S. 205 ff.

„ipsi estis Daemones aut a Daemonibus obsessi” (Midelfort, S. 166, Bouterwek, S. 207)

(45) Bouterwek, S. 209

(46) ebd.

(47) Bouterwek, S. 210, Midelfort, S. 167

(48) Bouterwek, S. 211

(49) Bouterwek, S. 211, Midelfort, S. 167

(50) Midelfort, S. 169

(51) Pauls, Geisteskrankheit 265 f.

Literaturverzeichnis

Bouterwek, Karl Wilhelm: Exorcizatio an Herzog Johann Wilhelm geübt, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 2, 1865, S. 201 – 211, online unter: https://books.google.de/books?id=1_pUAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false (bei Google Books versehentlich als Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 3 verzeichnet!)

Graumann, Sabine: „So ist die Haubtesblödigkeit nit besser“. Medizinische Consilia für Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg (1562-1609), in: Hildener Museumshefte 5 (1993), S. 83-107

Midelfort, H. C. Erik: Verrückte Hoheit. Wahn und Kummer in deutschen Herrscherhäusern, Stuttgart (Klett-Cotta) 1996, bes.: 132 – 170

Pauls, Emil: Der Exorcismus an Herzog Johann Wilhelm von Jülich Berg in den Jahren 1604 und 1605, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, Heft 63, 1896, S. 27 – 53 , online unter: https://archive.org/details/bub_gb_JJ1JAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up?view=theater

Pauls, Emil: Zur Geschichte der Krankheit des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich-Cleve-Berg, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 33, 1897, S. 7 – 32, online unter: https://books.google.de/books?id=2g4PAAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

https://archive.org/details/ZeitschriftDesBergischenGeschichtsvereins33/page/n7/mode/2up?view=theater

Pauls, Emil: Gutachten und Erklärungen abergläubischer Art des Pfarrers zu Lank bei Krefeld über die Art der Krankheit und die ärztliche Behandlung des geisteskranken Jülicher Jungherzogs Johann Wilhelm, wie: Pauls, Emil, Zur Geschichte der Krankheit des Herzogs, S. 39 – 48

Pauls, Emil: Geisteskrankheit, Ableben und Beerdigung Johann Wilhelms, des letzten Herzogs von Jülich-Kleve-Berg, in: Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein, Bd. 2, Köln 1909, S. 257 – 275, online unter: http://ub.uni-koeln.de/cdm/ref/collection/rheinmono/id/1043318

Voltmer, Rita: Im Namen der Dynastie. Medizin, Astrologie und Magie, Dämonomanie und Exorzismus am jülich-klevischen Hof (1585 – 1609), in: Guido von Büren, Ralf-Peter Fuchs, Georg Mölich (Hrg.), Herrschaft, Hof und Humanismus. Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg und seine Zeit (2. Aufl.), Schriften der Niederrhein- Akademie hrg. von Heinz Eickmans Bd. 11, Bielefeld (Verlag für Religionsgeschichte) 2020, S. 403 – 438

© Dr. Peter Hachenberg