Die fürstlichen Skelette in der Düsseldorfer Lambertuskirche

Einige Bemerkungen zu den Ergebnissen der Obduktion von 1954

VON PETER HACHENBERG

Zusammenfassung: In der historischen Forschung wird unter Heranziehung des Obduktionsbefundes des Gerichtsmediziners Heinz Schweitzer von 1954 behauptet, der Düsseldorfer Herzog Wilhelm der Reiche (1516 – 1592) habe unter schweren orthopädischen Problemen (Wirbelsäulenverkrümmung) gelitten. Die wenige Tage nach dem Tod des Herzogs durchgeführte Autopsie durch den Leibarzt Solenander lässt daran jedoch starke Zweifel aufkommen. Auch der Hinweis Schweitzers, bei der Schwester Wilhelms hätten sich vergleichbare Probleme gezeigt, lässt sich nicht erhärten, da die Skelettreste keine Identifikation der Schwester erlauben.

Tod eines Herzogs

Am 5. Januar 1592 verstarb in seinem 76. Lebensjahr Herzog Wilhelm V. (geb. 28.7.1516), genannt der Reiche, der nahezu 53 Jahre vom Düsseldorfer Schloss aus über den großen Länderkomplex der Vereinigten Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg regiert hatte. Auf meiner Webseite findet man zwei ausführliche Beiträge über das Leben und Sterben eines der wichtigsten in Düsseldorf residierenden Fürsten, der die Entwicklung der Stadt entscheidend geprägt hat.

Der Bericht des Leibarztes

Wir sind über die Leiden und den Tod des Herzogs gut informiert durch den Bericht seines Leibarztes Solenander „Über Krankheit und Tod des Herzogs Wilhelms III.“  vom 8. Januar 1592, der auch einen ausführlichen Obduktionsbefund in lateinischer Sprache enthält. (1)

Gemäß Solenanders Auskunft zeigte Wilhelm in seinen späten Lebensjahren Folgen mehrerer Schlaganfälle, die ihn 1566 getroffen hatten. So traten immer wieder Lähmungserscheinungen an seiner linken Körperhälfte auf. Weiter litt er an heftigen Verdauungs- und Stoffwechselstörungen, Gallensteinen, einer geschrumpften Milz sowie einem schweren Leistenbruch. Insgesamt war sein Körper durch die verschiedenen Leiden am Lebensende so geschwächt, dass der Organismus versagte.  Eine eindeutige Todesursache, z.B. eine tödliche Krankheit, konnte Solenander nicht feststellen.

Orthopädische Probleme

In der neueren Literatur wird nun zusätzlich ein erhebliches orthopädisches Problem aufgeführt, das beim Fürsten aufgetreten sein soll und das zum heute vorherrschenden Bild einer völlig morbiden Person beigetragen hat. Man bezieht sich dabei auf den Befund, den der Düsseldorfer Gerichtsmediziner Heinz Schweitzer nach einer ersten Untersuchung der sterblichen Überreste Wilhelms 1954 und in einer methodisch angepassten Version 1959 erstellt und 1960 veröffentlicht hat. (2)

So schreibt der sehr quellenkundige H. C. Erik Midelfort in seiner lesenswerten Studie „Verrückte Hoheit. Wahn und Kummer in deutschen Herrscherhäusern“: „Wie Heinz Schweitzer (…) feststellen konnte, litt der Herzog zudem an Knochengewebeschwund und einer Stauchung der Wirbelsäule, was ihm längeres Stehen oder Sitzen zur Qual gemacht haben muss.“ (3)

In seinem Standardwerk zu Jakobe von Baden, der tragisch verstorbenen Schwiegertochter Wilhelms, bemerkt der Autor Wilhelm Muschka zu Wilhelm: „Eine Wirbelsäulenverkrümmung wird jedenfalls sowohl durch zeitgenössische Bilder als auch eine Untersuchung seiner sterblichen Überreste durch den Gerichtsmediziner Prof. Dr. Heinz Schweitzer im Jahr 1954 belegt, (…).“ (4)

Schauen wir uns aber dazu den Befund des Gerichtsmediziners von 1954/59 näher an.

Der Fund in der Fürstengruft von Sankt Lambertus

1954 wurde durch den damaligen Stadtbaudirektor und Stadtkonservator P. H. Camp der lange Zeit nicht auffindbare Eingang zur Fürstengruft der St. Lambertuskirche in der Düsseldorfer Altstadt wiederentdeckt. Die Gruft befindet sich unter dem berühmten Grabmal Herzog Wilhelms im Chorumgang:

Die sterblichen Überreste der dort bestatteten Personen waren bis auf einen Einzelsarg in einem Sammelsarg untergebracht, der die Gebeine in einem zunächst unentwirrbaren Haufen enthielt und zwischenzeitlich wohl durch Grabräuber gewaltsam geöffnet worden war. Der Einzelsarg, in dem man die Gebeine der Jakobe von Baden, der schon kurz erwähnten Schwiegertochter Wilhelms vermutete, war in einer Nische über dem Sammelsarg untergebracht. Jakobes trauriges Schicksal – sie wurde möglichweise ermordet tot im Schlossturm aufgefunden –, ist Gegenstand verschiedenster Darstellungen, wird aber hier ausgeklammert.

In der Nische der Einzelsarg mit den vermuteten Gebeinen der Jakobe von Baden. Foto mit freundlicher Genehmigung der LVR-ZMB

Der Knochenfund wurde zur Identifikation der Verstorbenen dem seinerzeitigen Institut für gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie Düsseldorf übergeben und dort unter der Leitung von Dr. Heinz Schweitzer untersucht. Im Sammelsarg, auf dem eine Inschrift mit den dort beigesetzten Personen eingraviert war, befand sich laut dieser Liste neben dem Skelett Wilhelms des Reichen auch das seines Sohnes Johann Wilhelm (1562 – 1609). (5)

Sieben Schädel

Insgesamt fanden sich sieben Schädel, fünf weibliche, zwei männliche, sowie Reste eines Schädeldaches eines 8 bis 12jährigen Kindes. Schweitzer vermochte zunächst aufgrund von Merkmalen der durch Rundschnitte zum Zweck der Leichenschau eröffneten Schädel, weiter auch durch Untersuchung der großen Extremitätenknochen, eindeutig zwei erwachsene männliche Personen zu identifizieren, eine im Alter von 70 bis 80 Jahren, die andere von 40 – 50 Jahren, Herzog Wilhelm also und seinen verstorbenen Sohn Johann Wilhelm. (6)

Zwei der weiblichen Schädel gehörten zu Frauen im Alter von 60 – 70 Jahren. Eine dieser Damen war die ältere Schwester Wilhelms, Amalie von Jülich, Kleve und Berg (1517 – 1586), die der Tod im Alter von 69 Jahren ereilte. Die andere war die im Alter von 63 Jahren verstorbene Amalie Jakoba von Pfalz-Zweibrücken (1592 – 1655), eine Enkelin Wilhelms. (7)

Die Wirbelsäule Wilhelms des Reichen

Gefunden wurden auch zwei Wirbelsäulen, von denen eine eindeutig einer weiblichen Person zuzuordnen war, die zweite einer männlichen Person. Beide zeigten, so der Mediziner, „deutliche krankhafte Veränderungen im Sinne einer Kyphoskoliose.“ (8) (Buckelbildung (Kyphose) bei gleichzeitiger seitlicher Verkrümmung (Skoliose) der Wirbelsäule/PH)

Zur Wirbelsäule des Mannes führt Schweitzer weiter aus:

„Ganz eindeutig war es auch möglich, Beckengürtel und Wirbelsäule, die zur Leiche der älteren männlichen Person gehörten (Wilhelm der Reiche), zu identifizieren. Diese Wirbelsäule wies mittelgradige, osteoporotische (Osteoporose = Verminderung der Knochendichte / PH) und ankylotische Veränderungen (Ankylose = Versteifung / PH) mit einer Wirbelsäulenverkrümmung auf. Auf eine Identifizierung des Beckengürtels der jüngeren männlichen Person (Johann Wilhelm) wurde verzichtet, da hier die Unterscheidungsmerkmale zu den weiblichen Becken nichts besonders stark ausgeprägt waren.“ (9)

Der Düsseldorfer Gerichtsmediziner ordnete nun die aufgefundene männliche Wirbelsäule ohne weitere Umstände Wilhelm dem Reichen und nicht seinem Sohn Johann Wilhelm zu, wie die Fotos zeigen:

Wilhelm der Reiche: Deutlich erkennbar der Schädelrundschnitt (Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise)
Wilhelm der Reiche: Schädel und Wirbelsäule (Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise)
Johann Wilhelm (Sohn Wilhelm des Reichen): Auch hier der Schädelrundschnitt gut erkennbar. (Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise)
Der Obduktionsbericht von 1592

Hier freilich gerät man ins Stutzen, wenn man den Obduktionsbericht liest, den Reiner Solenander, der Leibarzt Wilhelms, drei Tage nach dessen Tod im Januar 1592 verfasst hat. Da heißt es also in lateinischer Sprache, hier mit der deutschen Übersetzung:

Eine starke, ausreichend große und kompakte Wirbelsäule, so dass es nicht unvernünftig ist, dass der Fürst von einem kräftigen Körper war, da sie (die Wirbelsäule) so fest und robust war wie gleichsam eine Art Basis und Kiel des Körpers.

(Spina dorsi valida, satis magna, compacta, ut non sit praeter rationem tam valido corpore fuisse principem, posteaquam ea veluti basis ac carina quaedam corporis tam firma et robusta fuerit.) (10)

Es wäre schon erstaunlich, wenn einem so erfahrenen Arzt wie Solenander, der bereits zahlreiche Obduktionen durchgeführt hatte, die von Schweitzer beschriebenen Befunde nicht aufgefallen sein sollten. Schweitzer selber kannte Solenanders Bericht offensichtlich nicht, jedenfalls erwähnt oder zitiert er diesen nicht, obwohl er bereits 1868 im „Archiv für die Geschichte des Niederrheins“ publiziert (11) und auch zwischenzeitlich durchaus rezipiert worden war, z.B. in dem Artikel über Wilhelm in dem Standardnachschlagewerk, der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ von 1898. (12)

Nun gilt für die von Schweitzer beschriebenen degenerativen Schäden wohl grundsätzlich Folgendes: „Von einer Skoliose können Menschen jeder Altersgruppe betroffen sein. Jedoch kann die Häufigkeit ab circa 60 Jahren stark zunehmen, da die Wirbel sich altersbedingt verändern.“ Man siehe auch

Ausgeschlossen ist damit jedenfalls nicht, dass die aufgefundene Wirbelsäule dem Sohn des Herzogs, also Johann Wilhelm, zugeordnet werden kann, der mit 47 Jahren bei seinem Tode 1609 auch beileibe kein Jüngling mehr war,

Wie dem auch sei, der Widerspruch zwischen den Befunden des modernen und des frühneuzeitlichen Arztes bleibt jedenfalls erklärungsbedürftig. Dies umso mehr, als wir gesehen haben, dass der Leibarzt in seinem Gutachten zwar von allen möglichen körperlichen Gebrechen und Schwächen seines Herrn berichtet, aber nie von „klassischen“, durch die Wirbelsäule bedingten Beschwerden oder gar Missbildungen wie einem Buckel.

Das Argument der familiären Disposition: Die Wirbelsäule der Amalie von Jülich, Kleve und Berg

Für seine Zuordnung der männlichen Wirbelsäule zu Wilhelm führt Schweitzer nun als zweites, unterstützendes Argument an, dass sich an den Skelettteilen der älteren Schwester Wilhelms, Amalie von Jülich, Kleve und Berg (1517 – 1586), ein ähnliches Krankheitsbild zeige. Er führt aus, dass „an der Wirbelsäule Wilhelms des Reichen ganz ähnliche, wenn auch weniger starke krankhafte Veränderungen festgestellt wurden, wie sie an der Wirbelsäule, die Amalie von Kleve, Jülich und Berg zugeordnet wurde, bestanden.“ (13)

Zu dieser Wirbelsäule erläutert er genauer: „Die zweite Wirbelsäule mit besonders starker seitlicher Verkrümmung der unteren Brust- und oberen Lendenwirbel. Die einzelnen Wirbel besonders auffällig abgeplattet, teilweise knöchern, mit den schiefstehenden Rippen verwachsen, starke Knochenspangen zwischen den einzelnen Wirbeln. Die einzelnen Wirbelknochen mit starken osteoporotischen Veränderungen, zierlich und leicht, keine knöcherne Verbindung mit dem Becken.“ (14)

Außerdem habe nach historischen Unterlagen „eine weitere Schwester Wilhelms des Reichen, nämlich Sybille von Jülich, Kleve und Berg, an einer Wirbelsäulenverkrümmung“ gelitten. Die Missbildungen seien freilich nicht angeboren gewesen, sondern im Jugendalter aufgetreten. Solche Erkrankungen, die durch Störungen des Kalkstoffwechsels entstünden, seien familiär nicht selten zu beobachten. Schweitzer vermutete also eine Art von familiär bedingter Disposition. (15)

Die Wirbelsäule der Schwester Wilhelms des Reichen, Amalie von Kleve, Jülich und Berg (Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise)
Eine Konkurrentin tritt auf

Wie kommt Schweitzer zu diesem Ergebnis? Seine ganze Konstruktion beruht darauf, dass die Identität der im Alter von 68 Jahren verstorbenen Schwester Wilhelms eindeutig festgestellt werden kann.


Dem stand im Weg, dass es gewissermaßen eine „Konkurrentin“ gab: Unter den Knochenfunden befand sich nämlich – wie schon erwähnt – ein zweiter Schädel einer mit Amalie etwa gleichaltrigen Frau, der Schädel der im Alter von 63 Jahren verstorbenen Amalie Jakoba von Pfalz-Zweibrücken (1592 – 1655), einer Enkelin Wilhelms. Hier ihr Stammbaum.

Das brachte Schwierigkeiten mit sich, denn eine „eindeutige Unterscheidung der Schädel der beiden im Alter von 60 – 70 Jahren verstorbenen Frauen, Herzogin Amalie von Jülich, Kleve und Berg (Schwester Wilhelms des Reichen) und Amalie Jakoba von Pfalz-Zweibrücken (der Enkelin Wilhelms), war zunächst nicht möglich.“  (16)

Einer der zwei weiblichen Schädel zeige freilich „geringe osteoporotische Veränderungen; daher wurde diesem Schädel eine stark verkrümmte Wirbelsäule mit osteoporotischen und ankylotischen Veränderungen zugeordnet.“ (17)

Allerdings ließe sich historisch nicht nachweisen, dass eine der beiden Damen „an einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung mit Buckelbildung, die sehr auffällig gewesen sein muß, litt.“  Tatsächlich hätte eine derart schwere Erkrankung der Wirbelsäule auch zu äußerlich deutlich wahrnehmbaren Missbildungen führen müssen. (18)

Unverheiratet und kinderlos

Nun folgt bei Schweitzer eine recht gewagte Argumentation, schreibt er doch: „Beachtet man, daß die eine der in Frage kommenden Personen, nämlich Amalie von Jülich, Kleve und Berg (also Wilhelms Schwester / PH), im Alter von 69 Jahren verstarb und trotz ihrer hohen Stellung unverheiratet blieb, so spricht dieser Umstand dafür, daß es sich hier um Skeletteile handelt, die von dieser Person stammen.“ (19)

Aus der Tatsache also, dass Amalie nicht in den Ehestand fand, schließt der Mediziner also, dass ihr die extrem verkrümmte Wirbelsäule und der leicht osteoporotische Schädel zugeordnet werden können. Dahinter steht wohl der Gedanke, Amalie habe aufgrund ihrer Missbildung nicht verheiratet werden können.

Aber ebenso gut finden sich Gründe, die Skelettteile der „Konkurrentin“ zuzuordnen.  Amalie Jakobäa Henriette von Pfalz Zweibrücken verheiratete sich das erste und einzige Mal 1638, also im Alter von 46 Jahren, mit dem um zwei Jahre älteren Grafen Jakob Franz von Pestacalda. Nachwuchs war aus dieser Verbindung beim Alter der Braut nicht zu erwarten und blieb auch aus.  Auch hier hätte man ja aufgrund der ungewöhnlich späten Heirat und der Kinderlosigkeit durchaus annehmen können, dass mit der Braut körperlich etwas nicht stimmte, so dass man ihr ebenso gut die arg verkrüppelte Wirbelsäule hätte zuordnen können. Wäre die Ehe nur aus – wie durchaus zeitüblich – pekuniären oder politischen Interessen geschlossen worden, wären ja die physischen Schäden möglicherweise irrelevant gewesen.

Ein neues „photographisches Verfahren der Identifizierung“

So recht wohl war Schweitzer aber offensichtlich bei seinem Befund nicht, denn er hielt ihn mehrere Jahre unter Verschluss. Da eilten ihm 1959, also volle fünf Jahre nach der Öffnung der Gruft, ein neu entwickeltes „photographisches Verfahren der Identifizierung“ (20) und eine Zeichnung des berühmten Renaissancemalers Holbein des Jüngeren (1497/98 – 1543) zur Hilfe. Diese Zeichnung, die er mit Unterstützung des Stadtmuseums Düsseldorf ausfindig machen konnte, soll Wilhelms Schwester Amalie zeigen.

Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise

Nun muss man freilich wissen, dass Amalie die um zwei Jahre jüngere Schwester einer viel berühmteren Dame war, nämlich der Anna von Kleve (1515 – 1557), die im Januar 1540 den berüchtigten englischen König Heinrich VIII. (1491 – 1547), geheiratet hatte, der bekanntlich zwei seiner sechs Gattinnen hatte hinrichten lassen.

Anna entging diesem Schicksal und konnte nach der Scheidung als des Königs „gute Schwester“ ein recht auskömmliches Leben führen. Beide Schwestern waren aber zunächst von Bruder Wilhelm als mögliche Heiratskandidatinnen für den englischen König ausersehen worden. Holbein war im August 1539 nach Düren gekommen, und man weiß, dass er zwei Zeichnungen als Vorarbeiten für das Gemälde anfertigte. So die Aussage von Nicholas Wotton, des englischen Delegationsleiters vom 11. August 1539 in einem Brief an König Heinrich VIII.:

„Your Graces servant Hanze Albein hath taken th’effigies of my Ladye Anne and the lady Amelye, and hathe expressyd theyr imaiges verye lyvelye.” (21)

(Eurer Hoheit Diener Hanze Albein hat die Porträts vom Mylady Anne und Ladye Amelye angefertigt und ihre Gestalten sehr lebendig wiedergegeben.)

Schweitzer nutzte die Zeichnung Holbeins, die Amalie darstellen soll, jedenfalls um aus dem Dilemma herauszukommen, dass „eine einwandfreie Trennung zweier, in einem Alter von 60 – 70 Jahren verstorbener weiblicher Personen (Amalie und Amalie Jakoba) nach anatomischen Gesichtspunkten kaum möglich“ war. (22)

Er ließ in die Zeichnung fototechnisch den vermeintlichen Schädel der Amalie hineinprojizieren, wobei dieser „sich tatsächlich in allen Einzelheiten mit der aufgefundenen Zeichnung zur Deckung bringen ließ, (…).“ (23) Das sieht dann folgendermaßen aus:

Düsseldorfer Jahrbuch 1960, siehe: Fotonachweise

Damit sei die Identität des aufgefundenen Schädels erwiesen, „während umgekehrt der zweite Schädel viel kürzer war und der aufgefundenen Zeichnung nicht entsprach. Hier kann also davon ausgegangen werden, daß es sich bei dem zur Deckung gebrachten Schädel um denjenigen der Amalie von Kleve und bei der Zeichnung von Holbein dem Jüngeren um ein Porträt der Amalie von Kleve handelt.“ (24)

Dass die Zeichnung Amalie von Kleve zeigt, ist denn auch bis heute gängige Auffassung auf vielen Webseiten, so z.B. im entsprechenden Wikipedia-Artikel, bei Alamy und in einem Beitrag auf den Webseiten der Stadt Düsseldorf:

Kleider machen Leute

Aber handelt es sich tatsächlich um ein Porträt Amalies? Tatsächlich hatte – wie man aus den Bildern ersehen kann – Schweitzer aus seinem Erkenntnisinteresse heraus nur den engsten Gesichtsausschnitt der Zeichnung berücksichtigt und Kopfbedeckung und Kleidung nicht gezeigt, was sich rächen sollte.

Die renommierte Holbein-Spezialistin Susan Foister kommt in ihrem 2006 publizierten Werk „Holbein in England“, das u.a. zahlreiche Zeichnungen von Personen des seinerzeitigen englischen Hofes enthält, tatsächlich zu einem völlig anderen Urteil:

 “The sitter’s identity is unknown. There has been speculation that this drawing represents Anne of Cleves’ sister Amelia, but her dress is quite different and clearly English.” (25)

(Die Identität des Modells/der Dargestellten ist unbekannt. Es wurde spekuliert, dass diese Zeichnung Anna von Kleves Schwester Amelia darstellt, aber ihr Kleid ist ganz anders und eindeutig englisch.)

Hans Holbein the Younger (1497/8-1543). An unidentified woman c. 1535-6, Royal Collection Trust / © His Majesty King Charles III 2026.

Dass die hochadelige Amalie aus dem Geschlecht der stolzen Herrscher der Vereinigten Herzogtümer während der Porträtsitzungen in Düren ein englisches Kleid trug, kann mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden. Das hätte sich kaum mit dem Selbstverständnis des jungen, aber mächtigen Herzogs von Kleve, Jülich und Berg vertragen, zumal die englische Mode außerhalb des Königreiches ohnehin wenig bekannt war.

Die spätere Monarchin Anna trägt auf dem berühmten Ölporträt folglich auch „ein edelsteinbesetztes Renaissancekleid aus rotem Samt mit goldenen Bordüren, das den Stand der höfischen Mode im Heiligen Römischen Reich widerspiegelt.“  (Wikipedia)

Die oberste Instanz in Sachen Zertifizierung, der „Royal Collection Trust“, dem die Betreuung der Sammlung Ihrer Majestät obliegt, zu der auch das vermeintliche Bild Amalies gehört, macht denn auch die folgende schlichte Angabe:

A portrait drawing of an unidentified woman. A bust length portrait facing to the front. The drawing has been cut along the contours of the headdress and shoulders and pasted to a new sheet of primed paper [?17th century]. Annotated by the artist: Samat (velvet) and Damast (damask).

Porträtzeichnung einer unbekannten Frau. Brustbild nach vorne gerichtet. Die Zeichnung wurde entlang der Konturen von Kopfbedeckung und Schultern ausgeschnitten und auf ein neues Blatt grundiertes Papier geklebt [?17. Jahrhundert]. Mit Anmerkungen des Künstlers: Samt (Samt) und Damast (Damast).

Neuste kunsthistorische, auf Gesichtserkennung beruhende Untersuchungen deuten übrigens pikanterweise darauf hin, dass es sich bei Holbeins Zeichnung um die Darstellung von Heinrich VIII. zweiter Frau Anne Boleyn handelt, die er 1536 hinrichten ließ.

Das finale Argument gegen Schweitzers These

Wir sind also wieder auf den Anfang von Schweitzers Argumentation zurückgeworfen. Wir haben zwei weibliche Schädel und eine stark verkrümmte weibliche Wirbelsäule, Selbst wenn wir annehmen, dass die stark verkrümmte osteoporotische Wirbelsäule dem leicht osteoporotischen Schädel zugeordnet werden kann gelingt es nicht, die Teile eindeutig einer von zwei möglichen Kandidatinnen, Wilhelms Schwester Amalie von Kleve oder Amalie Jakobäa Henriette von Pfalz Zweibrücken, der Enkelin Wilhelms, zuzuweisen.

Wie gesehen, misslingt Schweitzers Identifikationsversuch qua Vergleich mit der Zeichnung Holbeins, aber tatsächlich gibt es einen plausiblen Grund, warum ausgeschlossen werden kann, dass die verkrüppelte Wirbelsäule zu Wilhelms Schwester gehört.

Diesen Grund hatte Schweitzer eigentlich schon selber geliefert, indem er die Frage stellte, „ob eine der zwei in höherem Alter verstorbenen Frauen an einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung mit Buckelbildung, die sehr auffällig gewesen sein muß, litt.“ (26)

Genau darum geht es aber: Niemals hätte Wilhelm gewagt, dem englischen König eine verkrüppelte Braut anzubieten. Das wäre einer unvorstellbaren Beleidigung gleichgekommen und hätte wohl mindestens zu heftigen diplomatischen Verwerfungen, wenn nicht sogar zum Abbruch der Beziehungen der Vereinigten Herzogtümer mit dem englischen Königreich geführt.

So muss man wohl die deformierte Wirbelsäule eher der Enkelin Wilhelms, der Amalie Jakobäa Henriette von Pfalz Zweibrücken, zuordnen. Biographisch würde dies, wie wir gesehen haben, durchaus passen: Die Dame heiratete erst mit 46 Jahren und blieb kinderlos.

Fazit

Der Beweis. dass Herzog Wilhelm der Reiche unter schweren orthopädischen Problemen litt, ist durch die Obduktion von 1954 nicht erbracht worden. Dagegen spricht der Befund seines Leibarztes, und der Verweis auf ähnliche Probleme bei der Schwester ist trügerisch. Mit den modernen gentechnischen Methoden der Gerichtsmedizin ließe sich das Problem sicherlich zweifelsfrei lösen. Aber besser, man lässt die Toten jetzt ruhen.

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Frau Prof. Dr. Stefanie Ritz, der Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf, für die freundliche Durchsicht des Manuskripts und die Freigabe der Fotos aus dem Düsseldorfer Jahrbuch 1960 (siehe Fotonachweise)

Literatur

Ellis, Sir Henry (Hg.): Original Letters, Illustrative of English History, Vol. II, 2. Edition, London 1825

https://dn790009.ca.archive.org/0/items/originallettersi02elliuoft/originallettersi02elliuoft.pdf

Foister, Susan: Holbein in England, London (Tate Publishing) 2006), S. 149 (digital: https://archive.org/details/holbeininengland0000fois)

Harleß, „Wilhelm III.“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 106-113 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118807358.html#adbcontent

Midelfort, H. C. Erik: Verrückte Hoheit. Wahn und Kummer in deutschen Herrscherhäusern, Stuttgart (Klett-Cotta) 1996

Muschka, Wilhelm: Opfergang einer Frau. Lebensbild der Herzogin Jakobe von Jülich-Kleve-Berg, geborene Markgräfin von Baden, Baden-Baden (Verlag Schwarz GmbH) 1989, 2. Aufl.

Schweitzer, Heinz: Zur Identifizierung der in der Fürstengruft der St. Lambertuskirche zu Düsseldorf aufgefundenen Gebeine. Untersuchungen aus dem Institut für gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie Düsseldorf. Mit 45 Abbildungen, in: Düsseldorfer Jahrbuch Bd. 50, 1960, S. 1 – 27, auch als Sonderdruck 1960 mit gleicher Paginierung

Solenander, Reiner: Bericht des Leibmedicus Dr. Solenander über Krankheit und Tod des Herzogs Wilhelm III. von Jülich-Cleve-Berg (1592), in: Archiv für die Geschichte des Niederrheins 6, 1868, S. 168 – 179; digital:

https://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/periodical/pageview/3336860

Anmerkungen

(1) Solenander

(2) Schweitzer

Biographische Angaben zu Schweitzer sind nicht leicht zu finden. Im Inhaltsverzeichnis seines Aufsatzes aus dem Düsseldorfer Jahrbuch 1960 wird er noch als Privatdozent Dr. med. Heinz Schweitzer bezeichnet, in Muschkas Buch (2. Aufl. 1989) firmiert er hingegen als Prof. Dr. Schweitzer, Direktor am Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie Düsseldorf. (Muschka, S. 386) Er hat also zwischenzeitlich einen Karrieresprung gemacht.

(3) Midelfort, S. 136

(4) Muschka, S. 240

(5) Schweitzer, S.3, S.8

(6) a.a.O., S. 8

(7) a.a.O., S. 9

(8) a.a.O., S.25

(9) a.a.O., S. 10

(10) Solenander, S. 178

Wie immer ein großer Dank für die Unterstützung bei der Übersetzung aus dem Lateinischen an die Leiterin der Sprachzentrums der Heinrich-Heine-Universität und Latinistin Claudia Boes.

(11) Siehe Literatur: Solenander

(12) Siehe Literatur: Harleß

(13) Schweitzer, S. 11

(14) a.a.O., S.25

(15) a.a.O., S. 11

(16) a.a.O., S.9

(17) a.a.O., S. 10

(18) ebd.

(19) ebd.

(20) a.a.O., S.12 Anm. 10

(21)  Ellis, S. 122

Annas Porträt, dessen Zeichnungsvorlage verschollen ist, wurde in Öl ausgeführt, 2022 wunderbar restauriert und hängt als Schmuckstück im Louvre in Paris.

(22) Schweitzer, S. 14

(23) ebd.

(24) ebd.

(25) Foister, S. 149

(26) Schweitzer, S. 10

Fotonachweise

Fotos Nr. 9 – 12, 23, 39 – 41 aus Heinz Schweitzer (siehe Literaturverzeichnis), Düsseldorfer Jahrbuch (DJ) Bd. 50, 1960:

Der Autor Heinz Schweitzer gibt in seinen Fotonachweisen das „Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie“ an. Das heutige „Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf (Frau Prof. Dr. med. Stefanie Ritz)“ stimmt der Verwendung der Bilder im hier vorliegenden Text zu.

Ein Dank auch an den Düsseldorfer Geschichtsverein (Dr. Benedikt Mauer), der als Herausgeber des Jahrbuchs die Nutzung der o.g. Fotos unterstützt hat.

© Dr. Peter Hachenberg 29.05.2026